Wie geht es dir? Die heuchlerische Frage nach dem Befinden

Kennt ihr das? Ihr seid in der Stadt unterwegs und trefft auf einen entfernten Bekannten. Schon im zweiten Satz werdet ihr nach eurem Befinden gefragt. „Wie geht es dir?“, gepaart mit einem erwartungsvollen oder auch eher desinteressiertem Gesicht. Und ihr steht da und wisst nicht, was ihr nun sagen sollt. Haltet ihr es oberflächlich und sagt „Ganz gut, Danke. Und selbst?“? Oder sollt ihr erzählen, dass euch schon wieder dieses und jenes weh tut. Und euch eine bestimmte Situation ziemlich traurig macht und euch eine andere wiederum frustriert. Es aber ebenso schöne Momente gab, die euch ein gutes Gefühl gaben?

Und dann erinnert ihr euch an die letzten Male, als ihr offen erzählt habt, wie es euch geht. Die Gesichter, die sich verziehen, weil ihnen das doch eigentlich viel zu anstrengend ist. Die das eigentlich gar nicht hören wollten, sondern auf ein „gut Danke“ spekulierten. Mit etwas Glück gepaart mit Worten wie „du hast aber auch alles“ oder „dir geht´s aber oft schlecht“ – die allesamt wie eine Anschuldigung klingen. Als wäre der Umstand, dass es einem nicht gut gehe etwas, was man sich ausgesucht hätte. Eine schlechte Eigenschaft die man besitzt.

Und man bekommt das Gefühl vermittelt, wie man es nur wagen kann, dass es einem schlecht geht. Wie man es nur wagen kann, diesen Umstand auch noch zu erwähnen. Und auch wenn man natürlich nicht jedes Wort und jede Geste überinterpretieren sollte, so spürt man doch meist deutlich, was einem da entgegen schwingt.   

Gut gemeint ist nicht gut gemacht oder nicht bös gemeint kann trotzdem schlecht sein

Und sicherlich meinen es die Menschen des Öfteren nicht einmal böse. Aber sie transportieren damit eine Botschaft. Die Botschaft, nicht ok zu sein, wenn es einem nicht gut geht. Die Botschaft, dass es nicht ok ist, darüber zu sprechen. Und dies kann zur Folge haben, dass irgendwann tatsächlich nicht mehr darüber gesprochen wird (was übrigens im Extremfall bei starken Depressionen bis hin zum Suizid führen kann).

Und jedes Mal, wenn man eine neue Person kennen lernt, ist es irgendwie wieder ein Test. Ein Test. Ein feststellen, ob dieser Mensch anders ist und sich wirklich interessiert, wie es seinen Mitmenschen geht. Und man stellt sich selbst die Frage, „offenbare ich mich nun oder nicht? Offenbare ich mich, zeige wer ich bin und bin letztendlich damit, wer ich bin. Oder behalte ich meine Gefühle, meinen Zustand, lieber für mich?“.

In 90 % der Fälle entscheidet man sich dann doch für das „Gut soweit.“, weil man weiß, alles andere käme nicht gut bei dem anderen an. Und obwohl die Leute die Antwort im Grunde gar nicht hören wollen, fragen sie doch immer wieder nach.

Ich selbst habe mich immer öfter darauf verlegt, über sowas tatsächlich nur noch mit ausgewählten Menschen zu sprechen. Nichtsdestotrotz finde ich es extrem schade, dass unsere Gesellschaft hier oftmals so wenig Bezug zu Emotionen und dem Umgang mit selbigen hat. So wenig Einfühlungsvermögen und so wenig Interesse an ihren Mitmenschen besitzt.

Wieso besteht so wenig Interesse an anderen?

Und ich frage mich oft, wieso das so ist.

Wieso wollen so viele Menschen nur positive Sachen hören, leicht verträgliches? Wieso vertragen sie keine schwere Kost? Natürlich, es gibt genug Schlimmes auf der Welt und man möchte sich grundsätzlich gerne mit leichten, schönen Dingen umgeben. Aber macht eine gute Gesellschaft nicht aus, sich füreinander zu interessieren und sich auch in schweren Zeiten beizustehen? Gehört das nicht erst Recht zu Freundschaften und Beziehungen dazu, sich auch mit diesen Dingen auseinander zu setzen? Nur so kann doch auch wirkliche Nähe entstehen, ein verbunden-sein.

Und natürlich geht es nicht darum, dass man nur noch über schwierige oder traurige Themen spricht. Es ist ja nicht so, als ob dies den entsprechenden Menschen ausmacht und er keine anderen interessanten Themen kennen würde. Aber ist es nicht legitim, wenn man gefragt wird, wie es einem geht, dann auch darüber zu sprechen, wie es einem geht? Ist alles andere nicht heuchlerisch? Wieso fragt man denn dann überhaupt, wenn einen die Antwort überhaupt nicht interessiert?

Aber vielleicht ist heute der Tag – der Tag, an dem ihr es anders macht. An dem ihr versucht euch in euer gegenüber hineinzuversetzen. An dem ihr versucht wirklich zuzuhören und es besser zu machen, als so viele andere. Ich wünsche es mir für eure Mitmenschen und für euch selbst.

Veränderung fängt immer in uns selbst an! 🙂

Wie seht ihr das? Interessiert ihr euch dafür, wie es euren Mitmenschen geht? Oder bleibt ihr lieber beim Smalltalk?

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