Warum du aufhören solltest deine Gefühle zu unterdrücken

Wer kennt es nicht. Man fühlt sich schlecht, traurig, ängstlich, wütend, gestresst und versucht mit aller Macht alles dafür zu geben, dieses unangenehme Gefühl nicht fühlen zu müssen. Wir stecken unsere ganze Energie hinein, uns möglichst gut davon abzulenken. Wir konsumieren in Form von Arbeit, Essen, Shoppen, TV, Spielen und im schlimmsten Fall sogar Alkohol oder Drogen. Wir lenken uns mit allem ab, was uns ein besseres Gefühl verschafft.

Aber warum eigentlich? Vielleicht weil es gerade einfach nicht passt, wir leistungsfähig bleiben wollen. Vielleicht weil es gesellschaftlich nicht gern gesehen wird, „negative“ Gefühle zur Schau zu stellen und sich damit zu beschäftigen. Und vielleicht auch einfach, weil wir verlernt haben uns mit unseren Gefühlen zu beschäftigen und die Auseinandersetzung mit selbigen im ersten Moment sehr unangenehm sein kann. Deshalb neigen wir dazu negatives schnell zu verdrängen und ein Pokerface aufzusetzen. Dann heißt es, bloß keine Trauer, Wut, Angst, Unsicherheit und ähnliches zu zeigen. Es könnte ja sein, dass wir zu Menschen werden.

Schwäche zeigen nicht erlaubt!

Bereits in unserer Kindheit wird uns beigebracht, dass negative Gefühle nicht erwünscht sind und wir nicht in Ordnung sind, wenn wir sie fühlen. Wenn wir Angst haben oder traurig sind und weinen, wird uns gesagt, dass wir damit aufhören sollen. Im besten Fall nett, im schlimmsten Fall mit harschen Worten. Wenn wir wütend sind, sollen wir unsere Gefühle unterdrücken und unser Empfinden gefälligst für uns behalten.

Schwäche zeigen nicht erlaubt. Bild: https://unsplash.com/@kj2018

Verhalten wir uns nicht so, wie die Erwachsenen es möchten, werden wir mit Liebesentzug bestraft.

Auch wird das Zeigen von Gefühlen mit Scham verbunden. Wenn wir sie fühlen, wird uns suggeriert, dass wir uns dafür schämen sollen, uns so zu fühlen. Man hat diese Gefühle nicht zu fühlen und man hat nicht darüber zu sprechen. Die Gefühle zu fühlen und raus zu lassen gilt als schwach, unkontrolliert und hysterisch. Wir entsprechen damit nicht dem Bild eines „perfekten“ Menschen der sich immer im Griff hat und keine „Schwäche“ zeigt. Schließlich heißt es ja auch „nur die harten kommen in den Garten“. Und das obwohl doch jeder von uns diese Gefühle hat. Sie also ganz natürlich sind und zu unserem Leben dazu gehören. Und es eher im Gegenteil von großer Stärke zeugt, sich mit seinen Gefühlen auseinander zu setzen, sie zu fühlen und zu leben.  

Wir lernen uns anzupassen

Uns wird also schon als Kind schnell klar, dass es besser ist, wenn wir uns anpassen und unsere Gefühle unterdrücken. Dabei entwickeln wir mit der Zeit immer „bessere“ Strategien, um die Gefühle wegzudrücken. Und werden im schlimmsten Fall später selbst zu Eltern, die von ihren Kindern erwarten, keine negativen Gefühle zu haben oder zuzulassen.

Also nutzen wir das Wegdrücken, Ablenken und Betäuben um nicht fühlen zu müssen, was wir fühlen und was wir sind.

Die Krux bei dieser ganzen Ablenkerei ist jedoch, dass die Gefühle sich später umso stärker ihren Weg bahnen, je länger wir sie zu verdrängen versuchen. Verdrängen, Wegdrücken sorgt nur dafür dass diese negativen Gefühle sich mit aller Macht einen Weg suchen. Denn genauso wie positive Gefühle zu unserem Leben gehören, gehören auch negative Gefühle dazu und wollen gefühlt werden. Das eine kann ohne das andere nicht existieren.

Negative wie Positive Gefühle gehören zu unserem Leben dazu. Bild: https://pixabay.com/de/users/johnhain-352999/

Was passiert, wenn wir uns negativen Gefühlen nicht stellen?

Wer sich also diesen negativen Gefühlen nicht stellt, sondern sie durchgehend zu unterdrücken versucht, läuft Gefahr abzustumpfen und damit auch die Fähigkeit zu verlieren, Negatives wie Positives fühlen zu können.

Gleichzeitig kann es aber auch passieren, dass sich die Gefühle immer mehr anstauen, wenn wir uns nicht mit ihnen beschäftigen und nicht über sie sprechen. Die Gefühle verstärken sich so zunehmend. Sie werden stärker und unangenehmer. Der innere Druck steigt. Und so werden sie sich irgendwann mit aller Macht ihren Weg suchen. Sich Gehör verschaffen. Aus einzelnen Trauerzuständen kann dann ganz schnell ein ganzer Trauer“haufen“ werden, der sich dann in Depressionen bemerkbar macht, die bis hin zum Selbstmord führen können. Aber ebenso kann es zu anderen psychischen Erkrankungen wie Panikattacken und Ängsten und ähnlichem führen.  

Gefühle zu verdrängen kann krank machen. Bild: https://pixabay.com/de/users/counselling-440107/

Die Gefühle, die wir bekämpfen und zu verdrängen versuchen, werden also nur umso stärker, je mehr wir sie bekämpfen. Und es gibt kein Entkommen vor ihnen. Sie kommen immer wieder!

Aber nicht nur psychische Erkrankungen können so entstehen. Auch körperliche Krankheiten können ihre Ursache in der Psyche haben – die sogenannte Psychosomatik. Das Unterdrücken der Gefühle kann also im wahrsten Sinne krank machen. (Das erkannte bereits Freud, konnte es aber nicht belegen. Heutzutage kommen jedoch auch Studien zu diesem Ergebnis. Zum Beispiel die hier genannte: Die Macht der Verdrängung).

Gefühle zu unterdrücken kostet viel Energie

Aber auch ohne psychische Erkrankung ist es furchtbar anstrengend, die eigenen Gefühle durchgängig zu unterdrücken. Es raubt einem unheimlich viel Energie, wenn man immer versucht dagegen an zu strampeln. Es ist als würde man gegen eine starke Strömung anschwimmen. Man kommt zwar mühsam vorwärts, aber es ist eben MÜHSAM. Es erfordert ständige Aufmerksamkeit und Anstrengung. Ansonsten wird man immer wieder zurück getrieben.

Wir strampeln uns ab um nichts zu fühlen. Bild: https://unsplash.com/@tdils

Unsere Gefühle nicht zu fühlen bedeutet aber auch, nicht in Verbindung mit uns, unserem Selbst, zu stehen. Wir hören die negativen Gefühle nicht, hören aber ebenso wenig, was uns unsere innere Stimme sagt. Was wir wirklich wollen. Worin unser Glück liegt. Die innere Klarheit, die uns zu einem erfüllten Leben führen kann, fehlt uns dann.

Dabei wird gerne vergessen, dass negative Gefühle durchaus auch ihre guten Seiten haben. So können uns Trauer und Schmerz zeigen, dass uns andere Menschen wichtig sind oder waren. Oder Trauer und Frust können dafür sorgen, dass wir etwas an den Umständen ändern, die uns unglücklich machen. Sei es nun im Außen (Job-, Partner-, Wohnungswechsel o.ä.) oder im Innen (Umgang mit Gefühlen und bestimmten Situationen). Sie sind auf jeden Fall ein guter Indikator dafür, dass etwas nicht stimmt und uns unglücklich macht.

Und letztendlich, würden wir negative Gefühle wie Trauer, Wut, Angst nicht kennen, wüssten wir die positiven Gefühle nicht so sehr zu schätzen.

Die Ablenkung als Abwehrmechanismus ist keine Lösung

Eine Ablenkung hilft also nur kurzfristig und bedingt, weil sich die Gefühle immer wieder Bahn brechen. Wir haben demnach die Wahl noch mehr zu konsumieren oder uns diesen Gefühlen endlich einmal zu stellen.

Und erstaunlicherweise müssen wir dann feststellen, dass diese Gefühle ihre Intensität verlieren, sobald wir den Kampf gegen sie aufgeben und sie zulassen. Jedes Gefühl hat seine Berechtigung und will gelebt werden, um uns etwas mitzuteilen. Sobald wir zuhören und sie annehmen können wir ruhiger werden und ein stückweit heilen. Das Gefühl verliert seine Macht und Stärke.

Wir können nicht immer etwas gegen die Umstände unternehmen, die zu diesen Gefühlen führen. Aber wir können uns selbst genug wert sein, um uns ernst zu nehmen und zuzuhören. Genug wert, uns diese Gefühle zuzugestehen. Und das schöne ist: kein Gefühl bleibt für immer. So schlimm es sich auch anfühlen mag, es wird immer auch wieder besser werden. Aber um ein Gefühl loszuwerden müssen wir bereit sein, es zuzulassen und zu fühlen.

Der Weg aus einem Gefühl heraus geht also mitten durch es hindurch!

Wir müssen unsere Gefühle spüren, um uns wieder besser zu fühlen. Dabei gibt es einen schönen Spruch:

Nur wer sich öffnet für den Schmerz lässt auch die Liebe mit hinein.

Das bedeutet, wir müssen uns auch die negativen Gefühle ansehen und annehmen, um auch die positiven spüren und genießen zu können. Wer all seine negativen Gefühle ablehnt, verschließt sich auch für die Positiven.

Also versuche doch mal, dich das nächste Mal, wenn es dir schlecht geht nicht abzulenken, sondern dich einfach nur hinzusetzen und dir das Gefühl und die damit verbundenen Gedanken anzuschauen und einfach zu fühlen. Wenn du traurig bist und dir danach ist, weine, lass es einfach zu. Es kann unheimlich befreiend sein, die emotionale Last, diesen Druck einfach mal raus zu lassen. Und meistens ist das Gefühl dann hinterher viel weniger schlimm.

Die Gefühle einfach mal zulassen. Bild: https://pixabay.com/de/users/johnhain-352999/

Dabei geht es nicht darum, sich mit diesem Gefühl zu identifizieren. Du bist nicht das Gefühl, aber es gehört in diesem Moment zu dir dazu und hat es verdient „gehört“ zu werden. Dabei kann es gut sein, gedanklich eine gewisse Distanz herzustellen und von außen auf das Gefühl zu schauen, es zu spüren. Vielleicht wie ein Gast, der vorbei schaut. Und dann zu versuchen zu verstehen, was es dir sagen will. Warum ist es da? Was stimmt nicht, was muss sich ändern? Was brauchst du gerade?

Über Gefühle zu sprechen ist wichtig und gesund

Ebenso wichtig und hilfreich ist es aber auch, über seine Gedanken und Gefühle zu sprechen und sich auszutauschen. Wenn man mit anderen über seine Gefühle spricht, bedeutet es gleichzeitig, dass man bereit ist sich den Gefühlen zu stellen und sie zulassen. Durch das rauslassen und bereden der Probleme verlieren die Gefühle an Intensität. Der Druck lässt nach. Gleichzeitig bedeutet es aber auch mit den Gefühlen weniger allein zu sein. Man bekommt Liebe und Trost mit den schwierigen Gefühlen. Die Last verteilt sich und die Schwere wird weniger.

Zudem sieht man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht, wenn man mitten in der Verzweiflung drin steckt. Der Gesprächspartner schaut von außen auf die Situation und kann hier helfen den Wald zu lichten. Man kommt also einer möglichen Lösung näher, weil die eigenen Gedanken und Gefühle laut ausgesprochen werden und man einen Gesprächspartner hat, der diese mit einem erörtern kann.

Auch stärkt das Teilen von Gefühlen eure Beziehungen. Es zeugt von Vertrauen und gegenseitiger Zuneigung sich zu öffnen und über seine Gefühle zu sprechen. Auch eine Weiterentwicklung und Verbesserung in Beziehungen kann nur durch den gemeinsamen Austausch von Gefühlen stattfinden.

Es kann natürlich beängstigend sein, sich anderen gegenüber so zu öffnen. Aber wenn man das Risiko bei den richtigen Leuten eingeht, hat man eine große Chance davon zu profitieren und mit Verständnis und Fürsorge „belohnt“ zu werden. Und zu zweit ist die Last der Gefühle gleich viel leichter zu ertragen.

Ein gesundes Maß ist wichtig

Es geht mir dabei gar nicht darum, dass man sich durchgängig nur mit seinen Gefühlen beschäftigen sollte, sondern sie im gesunden Maße anzuschauen, auszuleben und zu bearbeiten.

Dabei hat auch die Ablenkung ihre durchaus gute Berechtigung. Wenn die Gedanken unaufhörlich kreisen, ist es sogar sinnvoll, diese gezielt zu unterbrechen. Einen sogenannten Gedankenstop durchzuführen und sich auf etwas Schönes zu konzentrieren. Sich in negativen Gefühlen zu verlieren kann nämlich genauso ungesund sein, wie sie ständig zu unterdrücken. Wie bei so vielem im Leben kommt es auf ein gesundes Maß an. Verdrängung kann aber niemals die Lösung für den Umgang mit Gefühlen sein.

Was habt ihr für Erfahrungen mit dem verdrängen von Gefühlen gemacht? Seid ihr eher der Typ Mensch, der seine Gefühle zulässt und über sie spricht oder behaltet ihr sie lieber für euch?

Ein Gedanke zu „Warum du aufhören solltest deine Gefühle zu unterdrücken“

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