Warum du die Gefühle anderer ernst nehmen solltest

Warum neigen wir dazu, uns immer wieder gegenseitig die Gefühle absprechen zu wollen?

Drückt jemand beispielsweise seine Angst vor Höhe, Spinnen, Dunkelheit, dem Autofahren oder ähnlichem aus, bekommt er zu hören, dass er doch keine Angst zu haben brauche. Es sei doch nichts Beängstigendes. Die Angst wird folglich nicht ernst genommen und klein geredet.

Oder jemand spricht über seine Gefühle wie Trauer, Schmerz o.ä. und bekommt zu hören „Stell dich nicht so an.“. Die Person wird also ebenfalls nicht ernst genommen und die Gefühle werden marginalisiert.

Jeder von uns hat doch schon solche Sätze gehört wie

  • „So schlimm ist das doch gar nicht.“
  • “Stell dich nicht so an.“
  • „Du brauchst keine Angst zu haben./Das ist doch nichts Beängstigendes.“
  • „Das tut doch nicht weh“.
  • u.ä.

Dabei wird gerne vergessen, dass jeder von uns ein Individuum ist, welches unterschiedlich wahrnimmt und fühlt. Was für den einen ein kleiner Pieks ist, ist für den anderen extrem schmerzhaft. Wo der eine nur müde lächelt, ist es für den anderen eine emotionale Verletzung.

Jeder von uns hat seine ganz eigenen Erfahrungen im Leben gemacht und trägt sein eigenes Päckchen.  Unsere Erfahrungen prägen uns und wie wir die Welt wahrnehmen.

Zudem spielt die Art der Beziehung in unserer Kommunikation immer auch eine Rolle. Ein Satz von dem einen Beziehungspartner kann einen sehr verletzen, während der gleiche Satz bei einer anderen Bezugsperson ganz andere Wahrnehmungen auslösen würde.

So unterschiedlich wie wir auf etwas reagieren können, so unterschiedlich sind wir im Ganzen als Mensch

So unterschiedlich wie wir also auf etwas reagieren können, so unterschiedlich sind wir eben im Ganzen als Mensch mit allem was wir wahrnehmen und fühlen. Deshalb kann es natürlich passieren, dass wir nicht sofort verstehen können, wieso sich jemand in einer bestimmten Situation so angegriffen fühlt, während wir selbst von so einem Satz nicht verletzt wären, weil wir nicht die selbe Beziehung und Erfahrung mit der „verursachenden Person“ haben wie derjenige, den der Satz betrifft.

Als Beispiel:

Eine Mutter sagt zu ihrer Tochter, sie kann sie nicht besuchen kommen. Diese fühlt sich verletzt, weil die Mutter sie schon sehr oft nicht besucht hat. Sie hat schon lange das Gefühl ihrer Mutter nicht wichtig genug zu sein.  

Derselbe Satz „Ich kann dich nicht besuchen kommen.“ würde bei einem Kollegen der Mutter ganz andere Gedanken und Gefühle auslösen. Der Kollege würde vielleicht verständnisvoll reagieren und sich nichts weiter dabei denken.

 Unsere Erfahrungen und die Beziehung zu einer Person prägen also, wie wir auf etwas reagieren.

Das bedeutet aber gleichzeitig, dass wir versuchen sollten, mehr Verständnis und Mitgefühl füreinander zu haben, auch wenn wir selbst nicht dieselben Erfahrungen gemacht haben und nicht dasselbe empfinden (würden).

Jeder von uns nimmt Schmerzen oder eine Erkrankung anders wahr

Genauso ist es in Situationen, in denen ein Mensch an einer Erkrankung – sei es nun körperlich oder psychisch – leidet. Nicht immer sind es offensichtliche Erkrankungen wie ein Beinbruch. Nicht wenigen fällt es schwer sich in Depressionen und andere psychische Erkrankungen einfühlen zu können. Aber auch ohne selbst zu wissen, wie es sich anfühlt, sollten wir doch akzeptieren und verstehen, dass die Person leidet und ihr bestes gibt. Und dass sie im Zweifel jeden Tag kämpft. Anstatt ihr zu vermitteln, dass ihre Gefühle nicht in Ordnung sind und sie sich nur mehr anstrengen müsste, damit es ihr besser geht. Oder sie sich gar nur Sachen einbilden würde oder selbst Schuld daran wäre, dass es ihr (noch) nicht gut gehe.

Sollten wir da also nicht mehr Mitgefühl mit dieser Person empfinden und sie unterstützen? Ist es nicht legitim, dass sie dann auch mal jammert oder sich selbst und ihr Leben bemitleidet?

Wird man nicht ernst genommen, fühlt man sich schnell auch verlassen und allein mit seinen Gefühlen. Quelle: Nathan Dumlao on Unsplash

Sollten wir da nicht aufhören, anderen ihre Gefühle abzusprechen? Und aufhören sie dazu anzuhalten, doch weniger zu jammern, nur weil wir auf uns schließen und wir selbst vielleicht anders damit umgehen würden oder schlichtweg einfach nicht verstehen, was sie durchmachen?

Menschen mit der selben Erkrankung haben nicht zwangsläufig das selbe Verständnis

Selbst in Selbsthilfegruppen/Foren sehe ich immer wieder, wie Patienten derselben Erkrankung einander vorhalten, sich doch mal weniger zu beklagen. Sie würden das ja auch nicht tun und so schlimm sei die Erkrankung nicht. Sie müssten sich einfach nur mehr anstrengen, sollten die positiven Seiten sehen und das Leben doch einfach mal genießen. Da fragt so manch einer zu Recht „Ja, wie denn?“, wenn ihn alles schmerzt oder er von schlimmsten Depressionen oder Ängsten geplagt wird.

Damit sprechen sie den Kranken und leidenden Personen also ihre Gefühle, ihren Schmerz ab – nur weil sie dieselbe Erkrankung haben und zu wissen meinen, wie das ist. Dabei vergessen sie aber, dass nicht jeder dieselben Symptome, in derselben Intensität erlebt. Denke ich da beispielsweise an hashimoto thyreoiditis, eine chronische Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, die viele Symptome verursachen kann, sagt man zu Recht, es sei eine Erkrankung mit 1000 Gesichtern. Wie kann man also andere herunter machen und ihre Gefühle herunter spielen, nur weil man selbst das Glück hat, nicht ganz so stark betroffen zu sein, wie die anderen? Oder vielleicht gleich stark betroffen zu sein, aber ein weniger starkes Schmerzempfinden zu haben oder ähnliches.

Kann man nicht einfach akzeptieren, dass andere anders fühlen, als man selbst? Und Mitgefühl mit diesen haben, dass es ihnen grade nicht gut geht?!

(Sitenote: Natürlich halte ich es auch für wichtig, das Beste aus allem zu machen und dankbar zu sein, für das, was man hat und was gerade schön ist. Ich glaube, dass das viel dazu beitragen kann, ein zufriedeneres Leben zu führen. Aber das ist  bei weitem nicht immer so einfach und vor allem nimmt es der Person nicht den Schmerz oder das Leid, dass sie zu ertragen hat. Und wenn es einem nicht gut geht, dann ist das so und jeder, dem es so geht, hat mein Mitgefühl!).

Schon den Kleinsten werden ihre Gefühle abgesprochen

Besonders schlimm empfinde ich das Absprechen von Gefühlen auch dann, wenn schon mit kleinen Kindern auf diese Weise umgesprungen wird. Berühmt berüchtigt ist hier der Spruch „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Den Kindern wird so suggeriert, dass ihre Gefühle nicht in Ordnung sind, sie nicht weinen sollen und leise zu sein haben. Anstatt das Kind zu trösten und mit seinen Gefühlen anzunehmen, wird ihm die eigene Wahrnehmung abgesprochen. Wie soll es denn später wissen, was es fühlt und diese Gefühle einordnen, wenn ihm von Anfang an gesagt wird, dass seine Gefühle nicht da zu sein haben und nicht in Ordnung sind? Wie soll es seiner eigenen Wahrnehmung vertrauen (lernen)?

Und ist es nicht eher anmaßend und auch übergriffig, wenn wir sagen, dass etwas nicht so schlimm ist, nicht weh tut oder nicht beängstigend ist, obwohl die Person es anders empfindet? Für das Kind, für den Menschen, ist der Schmerz oder die Trauer in diesem Moment real. Egal wie man es selbst empfindet oder empfinden würde. Also sollte man ihm diese Gefühle auch nicht absprechen.

Manchmal fällt es schwer die Gefühle anderer auszuhalten

Manchmal sprechen wir anderen ihre Gefühle auch ab, weil wir selbst nicht gut damit umgehen können. So haben wir vielleicht Angst, dass unser Kind leidet, wenn es beim Arzt ist und beschönigen den Prozess um selbst leichter damit umgehen zu können. Wenn wir dem Kind einreden, dass es nicht weh tun wird/nicht weh tut, reden wir es uns eigentlich auch selbst ein.

Genauso kann es bei Ängsten oder Trauer sein. Wenn wir es nicht ertragen können, das andere so fühlen, sprechen wir ihnen diese Gefühle vielleicht ab, um es uns am Ende selbst leichter zu machen und die Gefühle anderer besser aushalten zu können. Wer dann am Ende aber mehr leidet ist die Person, der es sowieso schon nicht gut geht.

Wollen wir also in einer Situation so reagieren, sollten wir erstmal reflektieren, woher unser Gefühl rührt und welche eigenen Emotionen, Gedanken und Erfahrungen hier mit reinspielen. Geht es um den anderen, oder geht es um mich selbst?

Dabei ist es insbesondere bei schwierigen Gefühlen und Emotionen wichtig, was wir zu unseren Kindern sagen und was wir ihnen vermitteln. Wir können sie entweder emotional stärken und aufbauen oder aber einen großen Schaden anrichten, wenn wir ihnen ihre Gefühle absprechen. Sie verlieren dabei das Vertrauen zu ihren Bezugspersonen und das Vertrauen in sich selbst.

Sätze wie

  • „Reiß dich zusammen“
  • „Jammer nicht“
  • „Das kann nicht sein, dass es wehtut.
  • „Das kann nicht sein, dass es dir Angst macht.“ u.ä.

werden der Person sicher nicht helfen.

Viel besser ist es doch, wenn wir die Gefühle der anderen sehen, annehmen und für sie da sind. Und genau das können wir ihnen auch sagen.

Annehmender Trost tut so gut. Quelle: StockSnap auf Pixabay

„Ich sehe deinen Schmerz und ich bin für dich da. Wie kann ich dir helfen/ was brauchst du?“

Würden wir uns nicht dasselbe wünschen, wenn es uns nicht gut geht?

Und auch wir selbst können Menschen, die uns, vielleicht auch unbewusst, unsere Gefühle absprechen anders begegnen und ihnen Grenzen setzen. Und auch unseren Kinder beibringen, ihre Grenzen zu sehen und einzufordern. „Doch, es tut weh. Meine Schmerzen sind real, auch wenn du sie vielleicht nicht sehen kannst.“.

Wir lernen also: Jedes Gefühl hat seine Gültigkeit, jede Emotion ist legitim. Wir dürfen sie also niemandem absprechen, denn sonst verletzen und beschämen wir andere Menschen, egal ob groß oder klein. Und sorgen so im schlimmsten Fall dafür, dass die Menschen verlernen ihre Gefühle zu spüren und auszudrücken.

Viel besser ist es doch, wenn wir einander mit Liebe und Verständnis begegnen.

Quelle: Clay Banks on Unsplash

Kennt ihr das auch, dass euch andere Menschen die Gefühle absprechen? Erzählt mir gerne von euren Erfahrungen.

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