Warum dir Selbstmitleid gut tut

Bei Selbstmitleid denkt manch einer sofort an jemanden der den lieben langen Tag nichts anderes macht als zu jammern und sich selbst zu bemitleiden. Vielleicht jammert die Person in dieser Vorstellung darüber, wie schlecht es ihr geht oder darüber wie schwierig das Leben ist und das immer zu. Ohne Punkt und Komma. Ohne Ende. Dabei weist sie immer wieder darauf hin, wie schlecht es ihr geht. In den eigenen Gedanken sich selbst oder im Außen anderen gegenüber.

Dieses Bild, das viele von uns bei Selbstmitleid sofort im Kopf haben, ist auch nicht verwunderlich, suggeriert das Wort an sich ja schon sich selbst zu bemitleiden, Mitleid mit sich selbst zu empfinden. Also eine gewisse, negative Selbstbezogenheit.

Jemand der Selbstmitleid für sich empfindet, wird dabei in der Regel als Mensch dargestellt oder empfunden, der auf eigene Fehler oder Schicksalsschläge unangemessen stark reagiert, sich selbst zu stark bemitleidet und in einen Strudel aus Selbstmitleid gerät, aus dem es kein Entkommen gibt. Und sich damit selbst gar in eine Opferrolle zwängt, die er nie mehr verlassen kann. Damit ist das Wort Selbstmitleid von Grund auf negativ konnotiert.

Selbstmitleid Traurig Regen
Manchmal fühlt sich das Leben dunkel an. Bild von Free-Photos auf Pixabay 

Ich möchte nicht bestreiten, dass es Menschen gibt, bei denen es genau so ist. Die in einer negativen Spirale aus Selbstmitleid gefangen sind und dadurch immer mehr verlernen, sich selbst zu helfen. Die ihre Lebensfähigkeit verlieren, da sie in Stagnation und Selbstmitleid verharren. Natürlich gibt es Menschen, die sich in genau so einer Situation befinden. Und das ist dann auch sehr ernst zu nehmen. Nicht zuletzt kann Selbstmitleid in so starker Form bis hin zur Depression führen.

Aber: das ist weiß Gott nicht die Regel.

Selbstmitleid als gesunde Verhaltensweise

Im Gegenteil wage ich zu behaupten, dass Selbstmitleid ein gesundes menschliches Verhalten darstellt.

Bedeutet Selbstmitleid nicht auch ein Stück sich selbst gern zu haben und deshalb, als oberste und wichtigste Person für sich selbst, auch sich selbst mental in den Arm zu nehmen, wenn es einem schlecht geht? Sich selbst ernst zu nehmen?

Ich habe lange darüber nachgedacht und komme für mich zu dem Schluss, dass Selbstmitleid nicht per se etwas Schlechtes ist.

Manchmal fühlt man sich schlecht und allein. Das ist menschlich. Es verläuft nun mal nicht alles nach Plan und das Leben ist manchmal nicht leicht. Es gibt immer wieder Situationen oder Menschen auf die man keinen Einfluss hat. Bisweilen fühlt es sich dann an, als ob sich alles gegen einen verschworen hat. Das führt dann dazu, dass wir uns traurig, frustriert oder wütend (oder alles auf einmal) fühlen. Und ist es da nicht legitim, dass man sich selbst auch einmal bemitleidet, dass alles grade so schlimm ist?

Sich selbst ernst zu nehmen, die eigenen Gefühle anzunehmen und zu sagen „Ja, du darfst grade traurig sein. Das ist auch alles grade schrecklich doof“. Und dann weint man vielleicht. Lässt den ganzen Druck, die ganzen schlimmen Gefühle wie Wut, Trauer, Angst etc. raus, um dann später innerlich ruhiger zu werden und den Blick frei zu machen auf die Dinge, die auch positiv sind. Und damit dann auch wieder offen zu werden für potentielle Lösungen und Veränderungen.

Lösung Veränderung Sonne
Nach Regen kommt Sonne – und mit viel Glück ein Regenbogen. Bild von Albrecht Fietz auf Pixabay

Gefühle nur zu verdrängen und klein zu reden, macht es doch nicht besser. Das ist allgemein hin bekannt. Selbstmitleid erlaubt einem damit, neben dem mentalen „sich selbst in den Arm nehmen“, sich den eigenen Gefühlen zu stellen. Und das ist etwas Gutes.

Natürlich sollte das nicht bedeuten, dass man sich ständig oder immer nur im Selbstmitleid suhlt und seine schwere Situation als Vorwand dazu nutzt, um nichts zu tun und sich dem ganzen schlimmen hilflos auszuliefern. Es gibt nur wenige Situationen, in denen man wirklich hilflos ist. Meistens gibt es eben doch Möglichkeiten an der Situation etwas zu verändern. Und wenn es nur bedeutet an dem Umgang damit etwas zu verändern.

Man hat natürlich auf manche Situationen oder andere Menschen keinen Einfluss. Das ist leider eine Tatsache. Aber man hat es immer in der Hand, wie man damit umgeht. Wird man, beispielsweise, durch eine geliebte Person schlecht behandelt, kann man diese Person nicht ändern und das tut weh. Aber man kann lernen diese Gefühle zu verarbeiten und für sich zu entscheiden, wie man damit in Zukunft umgeht, um sich selbst zu schützen (z.B. Kontaktabbruch oder -Einschränkung). Und genau das nennt man Selbstfürsorge.

Sei gut zu dir selbst

Wenn es dir also das nächste Mal schlecht geht, lasse die Gefühle zu. Sei traurig, wütend, frustriert oder was auch immer du dann fühlst. Es ist okay! Hauptsache du lässt deine Gefühle zu und fühlst sie.

Und dann nimm dich selbst emotional in den Arm. Und mache etwas, was dir gut tut. Ob das nun bedeutet, einen schönen Film zu schauen oder dir etwas leckeres zu Essen zu gönnen (Eis ist ja der “Trauer-Klassiker” schlechthin – glaubt man den Hollywoodfilmen). Ob es bedeutet den Abend auf der Couch zu verbringen oder dich mit Sport auszupowern. Alles was dir gut tut und nicht schadet, ist erlaubt. Sei einfach besonders lieb zu dir. Und danach wird es dir auch wieder besser gehen, wenn du dich deiner Gefühle ausreichend angenommen hast.

Selbstmitleid, Selbst(mit)gefühl ist also nichts per se schlechtes, sondern eine Möglichkeit der Selbstfürsorge. Die Möglichkeit sich selbst in den Blick zu nehmen, sich selbst zu fühlen und gern zu haben. Mitgefühl für sich selbst zu zeigen, wenn es vielleicht grade kein anderer macht.

Und ich plädiere damit für mehr Selbst(mit)gefühl, in einer Zeit, in der Gefühle immer weniger einen Stellenwert haben und immer mehr unterdrück werden sollen.

Wie geht ihr damit um, wenn es euch schlecht geht? Ist Selbstmitleid erlaubt?

2 Gedanken zu „Warum dir Selbstmitleid gut tut“

  1. Manchmal kommt es vor, dass man nicht unbedingt merkt, wenn Menschen einem nicht gut tun. Mitunter muss man erst von anderen darauf hingewiesen werden, dass es besser wäre, bestimmte Menschen los zu lassen und den Kontakt entweder einzuschränken oder in den meisten Fällen eher ganz abzubrechen, da man sich selbst gar nicht richtig bewusst ist, wie sehr einen diese negativ beeinflussen. Auch das kann zunächst traurig für einen selbst sein, da man die Person sicher sehr mochte und daher auch nicht erkennen wollte, wie es wirklich bestimmt ist. Hat man sich damit dann aber auseinander gesetzt und verstanden, dass dies der richtige Schritt ist, so ist nicht nur die Traurigkeit sondern auch die vorherige “Unterdrückung” durch die Person weg, man kann wieder man selbst sein und hat wieder Freiraum. Man wird erkennen, dass es einem nun im Nachhinein viel besser geht als noch zuvor. Und daher lohnt es sich immer, sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen.

    Antworten
    • Hallo Chris,

      Danke für deinen Kommentar.

      Das stimmt. Manchmal braucht es etwas Zeit bis man offen dafür ist, sich die eigenen Beziehungen anzuschauen und zu merken, dass manche Menschen nicht gut für einen sind. Manchmal helfen da tatsächlich Impulse von außen – sog. Augenöffner. Und plötzlich merkt man, dass man so nicht weiter machen möchte und sich so nicht mehr behandeln lassen möchte.

      So ein Abschied nehmen ist natürlich erstmal schmerzhaft. Aber wie schön, wie positiv es sich für dich entwickelt hat. Man selbst sein zu können ist in Beziehungen sehr wichtig. Wenn man sich verstellen muss oder unterdrückt wird, wird man sich ja nie richtig wohl fühlen können. Daran erkennt man auch sehr gut ungesunde Beziehungen.

      Ich stimme dir zu, dass es sich lohnt, sich mit den eigenen Gefühlen auseinander zu setzen. Dabei kann man nur gewinnen 🙂

      Alles Liebe,
      Miri

      Antworten

Schreibe einen Kommentar