Ratschlag: “Einfach machen”

Ich habe den Spruch „einfach machen“ immer gehasst. Denn so einfach, wie „einfach machen“ klingt, ist es oft gar nicht. Dieser Tipp wird in den verschiedensten Lebensbereichen gegeben. Dabei kann es um den Sprung ins kalte Wasser, das anstehende Vorstellungsgespräch oder das Treiben von Sport gehen. Vielleicht handelt es sich um lebensverändernde Schritte wie die berufliche Neuorientierung oder den Umzug in einen fremden Ort. Oder aber er betrifft die körperliche und psychische Gesundheit.

Dieser Rat ist häufig von anderen Personen gut gemeint, für die keine unüberwindbaren Hindernisse erkennbar sind. Die Hindernisse sind jedoch häufig sehr persönlicher Natur. Manch einen halten eine körperliche oder psychische Erkrankungen von der Durchführung ab. Jemand anderen wiederum mentale Blockaden oder Ängste. Manchmal ist es schlichtweg die Erschöpfung oder Müdigkeit. In jedem Fall wird es durch so einen Spruch nicht einfacher. Die Gründe können noch so unterschiedlich sein, aber sie alle sind verdammt gute Gründe, warum „einfach machen“ nicht funktioniert. Denn wenn es nicht geht, geht es nun mal nicht. Da hilft das noch so sehr wollen auch nicht.

Menschen mit vielfältigen Erkrankungen beispielsweise kämpfen schon so mehr als genug. Die Energie, die andere zur Umsetzung jeglicher Dinge in ihrem Leben haben, reicht da manchmal gerade so zum „atmen und überleben“. Mehr geht dann einfach nicht.

Hohe Anforderungen in Alltag und Beruf tun ihr übriges

Aber nicht nur bei Erkrankungen kann das der Fall sein. Auch bei hohem Stresspegel und den vielen Anforderungen im Alltag, ist manchmal einfach die Luft bzw. alle Energie (r)aus. Und auch dann geht eben nicht mehr.

Da hilft der Spruch „einfach machen“ dann auch nicht mehr weiter. Er sorgt höchstens dafür, dass wir uns schuldig und unverstanden fühlen, weil wir eben nicht „einfach machen“ können. Dann fühlen wir uns vielleicht nutz-und wertlos, weil wir die simpelsten Aufgaben nicht hinbekommen. Und unverstanden, weil wir doch so gerne würden und vielleicht schon genug leiden. Dabei hat unser Körper nun mal nur begrenzt Energie.

Selbstfürsorge ist in so einem Moment dann viel wichtiger, als „einfach zu machen“ und über unser Energielevel hinaus zu gehen. Denn so sorgen wir nur dafür, dass wir erst Recht krank werden. Nicht umsonst gibt es immer mehr Burnout-Erkrankungen, weil uns die Leistungsgesellschaft zu immer mehr „leisten, leisten, leisten“ treibt. Und damit immer über unsere Energiekapazität hinaus.

Wie der letzte Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt, läuft dann auch unsere Energie aus. Und dann geht wirklich gar nichts mehr – nicht nur für den Moment. Deshalb ist der Rat „einfach machen“ oft nicht sehr sinnvoll und schadet nur. Mal davon ab, dass man zu Fehlern neigt, wenn man auf den letzten Energiereserven läuft.

Einfach trotzdem machen” kann wohldosiert auch hilfreich sein

Natürlich kann das einfach trotzdem machen/versuchen seine Berechtigung haben. Manchmal kann „einfach machen“ hilfreich sein. Aber ganz sicher nicht immer und pauschal. Und einfach ist das sowieso nicht. Es sollte auch hier nur wohldosiert und nur mit einem liebevollen, einfühlsamen, selbst sorgendem Blick vonstatten gehen. Nicht unter Zwang, um irgendwem gerecht zu werden. Nur mit Blick darauf, sich selbst damit etwas Gutes zu tun.

So kann es einem gut tun, wenn man sich dazu durch ringt, Spazieren zu gehen, auch wenn man das Gefühl hat, keine Kraft mehr dafür zu haben. Wenn wir uns dann trotzdem dazu zwingen, kann es uns und unseren Körper beleben. Aber auch das gilt natürlich nicht immer.

Auch bei Depressionen, zum Beispiel, kann es manchmal hilfreich sein, zu versuchen sich zu einer Sache zu „zwingen“. Denn manchmal hilft das, sich selbst damit aus dem tiefen Loch der Schwermut zu ziehen. Und dann doch noch einen (ganz) guten Tag zu erleben, anstatt ihn im Bett liegend zu verbringen – was die Depressionen manchmal noch verstärken kann.

Manches Mal reicht eine Sache, um sich eben doch nicht so nutz-oder wertlos zu fühlen, wie das der Fall sein kann, wenn man Depressionen hat. Denn hier geht oft das Gefühl mit einher, nichts hinzubekommen. Wenn man sich dann zu etwas zwingen konnte, kann das ein Erfolgserlebnis darstellen. Man hat etwas geschafft, worauf man stolz sein kann. Und nach dem ersten Schritt, gehen die nächsten manchmal etwas leichter.

Wobei man dazu sagen muss, dass jeder, der Depressionen oder eine anderen Erkrankung hat, schon sehr stolz darauf sein kann, überhaupt da zu sein, auszuhalten und zu kämpfen. Und damit auch stolz darauf sein kann, mit dem „nix-machen“ Selbstfürsorge zu betreiben (und das gilt auch wiederum für nicht-Kranke, die einfach gerade nicht mehr können).

Außerdem sollte das “ich mach jetzt trotzdem” von einem selbst kommen und nicht von außen stehenden (oder wenn dann vorsichtig formuliert).

“Einfach machen” kann helfen, wenn man unmotiviert ist

“Einfach machen” kann auch dann hilfreich sein, wenn wir etwas schon länger machen wollten, aber es immer wieder aufschieben. Oder wenn uns jetzt gerade einfach mal die Motivation fehlt. Sind die Aufschieberitis und die fehlende Motivation kein Zeichen von Erschöpfung oder Erkrankung, kann es helfen, einfach loszulegen, ohne viel darüber nachzudenken, ob wir da jetzt Lust drauf haben. Nach dem Motto „eat the frog“, sich den unangenehmen Dingen zu stellen.

Manchmal machen wir Dinge auch deshalb nicht, weil wir unbewusst Angst haben, dass das, was wir machen, nicht gut genug wird. Und dann fangen wir gar nicht erst an. Hier kann das „einfach machen“ ebenfalls helfen. Verbunden mit den Gedanken „Es muss jetzt nicht gut oder besonders werden. Einfach mal anfangen und schauen, wie es läuft. Aufhören kann ich ja immer noch.“. Und manchmal kommt dann im Tun die Motivation. Und das Ergebnis wird doch noch gut.

Der Ratschlag „einfach machen“

Der Ratschlag „einfach machen“ ist trotzdem mit Vorsicht zu genießen – bzw. zu verteilen. Denn das kann oft das falsche Zeichen setzen. Für die Person, die gerne würde, aber nicht kann.

Im Zweifel verletzt man denjenigen damit und sät weitere Selbstzweifel. Auch kann es passieren, dass die Person sich nicht ernst genommen fühlt, wenn ihr suggeriert wird, dass es doch gar nicht so schwer ist und sie sich nicht so anstellen solle. Damit wird unter den Teppich gekehrt und verharmlost, wie es der Person wirklich geht. Und die Gefühle anderer sollten wir immer ernst nehmen.

Es ist nicht hilfreich, beispielsweise einem Menschen mit Depressionen zu sagen, er solle „einfach machen“, dann würde es schon wieder werden. So einfach sind Depressionen und ähnliches nicht wegzubekommen. Jeder, der solch eine Erkrankung hat, hat schon oft genug „einfach gemacht“ und alles mögliche versucht, um eine Besserung zu erlangen. Der Kampf mit solch einer Erkrankung ist im Grunde schon des „einfach machen“ genug. Hier ist eine liebevolle Unterstützung hilfreicher, als ein, wenn auch vielleicht nett gemeinter, Ratschlag.

Lerne deine Grenzen zu akzeptieren

Wir sollten also lernen zu akzeptieren, dass wir und auch andere manchmal einfach nicht machen können, auch wenn wir oder sie es gerne wollten. Unser Körper, wir, haben nun mal Grenzen. Wir können nicht (ständig) darüber hinaus gehen, sonst werden wir krank.

Also seid nicht so streng mit euch und anderen. An einem anderen Tag wird dann auch wieder mehr gehen. Und solange macht euch klar, dass euer „nichts-tun“ Selbstfürsorge ist. Ihr lasst damit euren Körper aufladen und gesunden.

Self care. Bild mit Scrabblebuchstaben.

Quelle: Tiny Tribes auf Pixabay
Quelle: Tiny Tribes auf Pixabay 

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2 Gedanken zu „Ratschlag: “Einfach machen”“

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