Perfektionismus: Der Drang, alles perfekt machen zu wollen und was du dagegen tun kannst

Wenn du, wie ich, dazu neigst, perfektionistisch zu sein, steckst du viel Zeit und Energie in deine Aufgaben, um sie „perfekt“ zu erledigen. Das bedeutet dann, dass du zum Beispiel einen Bericht oder Artikel noch ein zehntes Mal korrigierst und so wertvolle Zeit verschenkst, die anderweitig besser eingesetzt wäre.

Der Perfektionismus kann sich dabei auf jeden Bereich des Lebens beziehen. So kann es sein, dass der Perfektionismus vielleicht den Haushalt betrifft und hier alles immer blitzen und blinken muss. Eine nicht perfekte Stelle kann dann sofort zu Unbehagen und dem Drang nach Verbesserung führen.

Der Perfektionismus kann sich aber ebenso auf der Arbeit oder bei Hobbys niederschlagen und den Menschen hier im Weg stehen.

Folgen des Perfektionismus

Perfektionismus kann jedoch große Folgen haben. Neben der verschwendeten Zeit, die anderweitig benötigt wird, kostet er auch viel Kraft. Es kann dich also auslaugen, wenn du alles bis zur Perfektion umsetzen möchtest. Das sorgt dafür, dass du am Ende mehr Fehler machst und deinem Ziel nach Perfektion noch weniger nahe kommst. Dies kann dann zu einem Teufelskreis führen, der dich immer mehr vereinnahmen wird und dir langfristig schadet.

In der Folge kann es dann zu einer großen psychischen und körperlichen Anspannung kommen. Der Betroffene fühlt sich zunehmend nur noch gestresst. So fällt es ihm mit der Zeit immer schwerer abzuschalten und sich zu entspannen. Er arbeitet immer mehr und findet kein Ende. Schließlich könnte es immer noch besser gehen. Seinen eigenen hohen Ansprüchen kann er hier nicht gerecht werden. Erfolge und Leistungen können nicht mehr genossen werden, weil direkt die nächste Aufgabe vor ihm liegt, die es perfekt zu bewältigen gilt. Zudem neigt der Betroffene dazu, sein größter Kritiker zu sein. Statt stolz auf sich selbst zu sein, sieht er nur seine Fehler und was er noch hätte besser machen können.

Der Perfektionismus wird hier zu einer gesundheitlichen Belastung. Körperliche und psychische Erkrankungen können die Folge sein. Mögliche Erkrankungen können Depressionen, Ängste, Zwangsstörungen, Schlafstörungen, allerlei körperlichen Beschwerden wie Kopf- oder Magenschmerzen, Herzprobleme und letztendlich der Burnout sein.

Die „Perfektion“ führt also zur Stagnation, wir kommen nicht mehr weiter. Mit unserem Bestreben nach Perfektion können wir uns also selbst gut eine Falle stellen, aus der es kein leichtes entrinnen mehr gibt.

Was steckt hinter dem Perfektionismus?

Der Drang nach Perfektionismus entsteht eigentlich da, wo sich Menschen selbst nicht genug lieben und sich nicht für gut oder perfekt genug halten.

Die Angst davor nicht gut genug zu sein und zu versagen und in Folge dessen von anderen abgelehnt zu werden sorgt hier dafür, immer mehr und bessere Leistung erbringen zu wollen. Aber auch das Bedürfnis nach Anerkennung von anderen kann einen Antreiber für den Perfektionismus darstellen.

Auch die Gesellschaft, die uns stetig vorgaukelt, dass alles immer perfekt sein muss, trägt ihren Anteil dazu bei, dass sich Menschen so unter Druck fühlen, immer besser zu sein. So bekommen sie fortwährend den Eindruck, dem Ideal nicht zu entsprechen und somit nicht gut genug zu sein.  

Der Job muss noch besser sein, das Haus größer, das Aussehen schöner. Alles muss glitzern und glänzen.

Hinter der Suche nach Anerkennung, der Angst zu versagen und nicht gut genug zu sein, steckt ein geringes Selbstbewusstsein.

Der Grund für dieses geringe Selbstbewusstsein findet sich in der Regel in unserer Kindheit. Schon in den ersten Jahren unseres Lebens entwickeln wir unser Selbstbewusstsein. Mit Glück zeigen uns unsere Eltern, dass sie uns bedingungslos lieben und dass wir gut sind, wie wir sind.

Im schlechteren Fall vermitteln uns unsere Eltern, dass wir nur liebenswert sind, wenn wir brav und erfolgreich sind. Erfüllen wir nicht ihre Erwartungen, lehnen sie uns ab und bestrafen uns mit Liebesentzug. Manche Eltern geben uns von Anfang an und ohne ersichtlichen Grund das Gefühl, dass wir nicht wichtig und liebenswert sind. Was auch immer die Gründe sind, in der Folge übernehmen wir die Denkweisen unserer Eltern, woraus ein geringes Selbstwertgefühl resultiert.

Wir alle tragen verschiedene Glaubenssätze in uns

Wir entwickeln also schon früh Glaubenssätze wie:

  • Ich bin nicht gut genug.
  • Ich genüge nicht.
  • Ich muss perfekt sein/ darf keine Fehler machen.
  • Ich bin schlecht.
  • Ich kann nichts.
  • Ich bin ein Versager.

Aber auch spätere Erfahrungen tragen ihren Teil dazu bei, wie wir uns selbst wahrnehmen und was wir über uns denken.

Der Betroffene lernt also, dass er nur als perfekter Mensch geliebt wird. Und auch er kann nur mit sich selbst zufrieden sein, wenn er immer 120 % gibt und keine Fehler macht. Er agiert immer vorausschauend, weil er keine Angriffsfläche bieten möchte. Also wird alles vielfach korrigiert und verbessert.

Das Problem dabei: ein genug gibt es nicht. Es muss immer schneller, höher, weiter gehen. Die eigenen Ansprüche sind unerreichbar, wie die Karotte die an einen Stock vor uns festgebunden ist.

Quelle: healthyfeelings.de (eigene Skizze, eigenes Bild – gewollt unperfekt.)

Das entscheidende: die äußeren Erfolge, die „perfekten“ Ergebnisse, heilen nicht die Verletzungen aus der Vergangenheit und die tief verwurzelten Glaubenssätze. Das ist auch der Grund, warum selbst Menschen, die alles zu haben scheinen, in ihrem inneren starke Selbstzweifel haben können. Der Glaubenssatz „ich bin nicht gut genug“ hat sich zu fest eingebrannt.

Was kann man aber tun, um weniger perfektionistisch zu sein?

Diese tiefgreifenden Verhaltensweisen abzulegen ist sicherlich nicht leicht. Aber wir können einiges tun, um uns dieser bewusst werden. Und wir können aktiv lernen uns mehr zu lieben und zu akzeptieren, mit all unseren Stärken und Schwächen.

Was kannst du also tun?

  • Als erstes: Perfektionismus ist nicht immer etwas Schlechtes. Du bist eine starke Person, die mit Disziplin und Fleiß ihre Aufgaben und Ziele erreicht. Das sind tolle Eigenschaften, auf die du stolz sein kannst.
  • Ein wichtiger Punkt ist hier jedoch, dass du dir darüber im Klaren werden solltest, dass es Perfektion nicht gibt. Das mag hart klingen, aber egal wie du dich anstrengst – irgendwer würde es trotzdem anders machen bzw. hält eine andere Lösung für besser. Du kannst keine Perfektion erreichen. Genauso wie du nicht von jedem gemocht werden kannst, egal wie du dich anstrengst. Wie bei so vielem im Leben ist alles einfach eine Frage der subjektiven Perspektive. Diesen Kampf, den du da kämpfst, kannst du also nicht gewinnen.
  • Auch solltest du dir klar machen, dass die ganze Energie, die du in den Versuch steckst, alles perfekt zu machen, woanders fehlt. Sie kostet dich deine Zufriedenheit und deine Gesundheit. Vielleicht kostet es dich auch dein Privatleben, wie etwa Freundschaften und deinen Partner oder Hobbys, die dir eigentlich Freude bereiten. Ergo: dein Perfektionismus schadet dir.

    Ohne diese wichtigen Einsichten, kann keine Veränderung statt finden.
  • Konkret für deine Arbeit oder bestimmte Aufgaben kann es dir vielleicht auch helfen, dich mit dem Pareto-Prinzip vertraut zu machen. Dieses besagt, dass mit 20 % des Aufwandes, 80 % des Ergebnisses erreicht werden kann. Die restlichen 20 % würden mit 80 % die meiste Arbeit verursachen. Hierzu gibt es verschiedene Möglichkeiten, die man umsetzen kann, um weniger Zeit zu verlieren (Not-to-do-Liste, Rule of 9, Mut zum Unfertigen, nicht mehr als eine Korrektur etc.).
  • Ein weiterer wichtiger Schritt, neben den oben genannten Erkenntnissen, ist die Arbeit an den eigenen Glaubenssätzen. Es ist wichtig, zu hinterfragen, wo die eigenen Glaubenssätze wie zum Beispiel „Ich bin nur gut genug, wenn ich alles perfekt mache.“ oder „Nur wenn ich brav und perfekt bin, bin ich liebenswert und bekomme Liebe und Anerkennung.“ herkommen. Was steckt dahinter? Wurde dir vielleicht in der Vergangenheit vermittelt, dass du nur mit ausreichend Leistung und Perfektion gemocht und geliebt wirst? Wurde dir in der Vergangenheit wiederholt vermittelt, dass du nicht gut genug bist? Hast du in Folge auch heute das Gefühl, dass deine Arbeit und dein Tun im Allgemeinen nie genug sind? Hast du das Gefühl, anderen beweisen zu müssen, dass du etwas kannst und bist. Dass du etwas wert bist? Für die tiefergehende Beschäftigung mit den eigenen Glaubenssätzen und dem inneren Schattenkind kann ich das Buch „Das Kind in mir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl empfehlen (Keine Werbung. Ich habe das Buch selbst privat erworben und ich werde nicht dafür bezahlt, dieses Buch zu empfehlen.).
  • Erkenne deinen Wert: Auch dieser Schritt ist elementar, um dem Perfektionismus-Wahn zu entkommen. Erkenne, was du wert bist und arbeite an deinem Selbstwertgefühl.
    Das ist freilich nicht so einfach, wie es klingt, aber mit den entsprechenden Übungen kann es dir gelingen, dein Selbstwertgefühl zu erhöhen und zu lernen, dich mehr zu schätzen und zu lieben. Denn das wichtigste ist immer noch, dass du dich selbst liebst. Was andere von dir halten sollte zweitrangig werden 🙂

Für die Verbesserung des Selbstwertgefühles gibt es tolle Übungen. Zwei stelle ich dir heute vor. (Wenn du an weiteren Übungen interessiert bist, schau gerne bei meinem nächsten Blogartikel wieder rein. Hier werde ich weitere Wege, das Selbstbewusstsein zu erhöhen, aufzeigen.)

Übung 1: Kenne deine Stärken.

Nimm dir mal in Ruhe Zeit (vielleicht sogar verbunden mit einer Tasse deines Lieblingsgetränks, an einem Ort, an dem du dich besonders wohl fühlst). Setz dich hin und schreibe dir all deine Stärken auf. Am Anfang wird dir das vielleicht noch schwer fallen, aber du wirst sehen, mit der Zeit wird dir immer mehr einfallen.

Solltest du gar keine Ideen haben, kannst du natürlich auch googlen und schauen, was für dich passt. Für den Anfang kannst du dich auch gut an diesem Bild orientieren:

Mögliche Stärken. Quelle: Schriftart und Hintergrund Canva.com/ Text: healthyfeelings.de.

Du kannst zum Beispiel einfach einen Zettel und Stift nehmen und eine Art Mindmap erstellen. Du kannst aber auch nur eine einfache Liste machen. Auch könntest du Karteikarten oder buntes festeres Papier ausschneiden und auf jede eine Stärke schreiben.

Fertig?
Nun wirst du also sehen, wie viele Stärken du eigentlich hast und dass an dir ganz, ganz viele Sachen toll sind! 🙂

Zur Verinnerlichung kannst du dir diesen Zettel oder die einzelnen Karten nun an deinen Schrank oder eine Wand o.ä. hängen, um dir so immer wieder zu verdeutlichen, was du für tolle Stärken hast! Du bist wertvoll! Vergiss das nie! 🙂

Übung 2: Werde dir deiner Erfolge bewusst.

Bei dieser Übung schreibe mal alle deine Erfolge auf und lobe dich dafür, was du alles schon in deinem Leben geschafft hast. Das können bestimmte Leistungen sein, aber auch Herausforderungen, die du gemeistert hast.

So könnte die Liste zum Beispiel deinen Studiums- oder Ausbildungsabschluss und/oder bestimmte Projekte auf der Arbeit beinhalten. Aber ebenfalls könnte darauf stehen, dass du das Tennisturnier letzte Woche gewonnen hast oder dein Blumenbeet so schön angelegt hast. Auch könnte darauf stehen, dass es dir das erste Mal gelungen ist, die Lasagne perfekt zuzubereiten oder dass du diesen dicken, anspruchsvollen Schinken durch geschmökert hast. Auch kann die Liste Herausforderungen oder Ängste beinhalten. Wie zum Beispiel, dass du dich auf den Aussichtsturm getraut hast, obwohl du so Höhenangst hast. Dafür musst du noch nicht mal ganz oben gewesen sein. Es reicht schon, dass du über deine Grenze hinaus gegangen bist. Selbst wenn es nur 3 Stufen waren.

Auch kannst du hier eine schlimme Trennung, die du mit deiner Exfreundin zivilisiert über die Bühne bekommen hast aufschreiben. Oder vielleicht habt ihr auch euer Haus renoviert oder ein Baby bekommen. Vielleicht hast du in deinem Leben schon viel Schlimmes erfahren und trotzdem immer weiter gekämpft.

Kurz gesagt: Es gibt so vieles im Leben was wir schaffen und worauf wir stolz sein können. Das können ganz kleine, auf den ersten Blick profan wirkende Dinge sein oder eben ganz große. Alle gehören sie auf die Liste! Und dann sei bitte mal stolz auf dich, welche Hürden du schon genommen und wie du dich in deinem Leben weiterentwickelt hast. Ich bin es auf jeden Fall! 🙂

Mögliche Themen. Quelle: Schriftart und Hintergrund Canva.com/ Text: healthyfeelings.de

Anmerkung: mehr Übungen findest du in dem nächsten Montag erscheinenden Blogartikel.

Denke auch immer daran, dir Zeit für dich zu nehmen

Perfektionisten neigen dazu, die Zeit, die sie für sich selbst nehmen als Verschwendung zu betrachten.

Aber: wenn du dir Zeit zum auftanken nimmst, kannst du deine Aufgaben im Alltag viel besser und energiegeladener umsetzen, als wenn du dich mit letzter Kraft durch den Alltag quälst. Dann passieren nämlich erst Recht Fehler. Also nimm dir mal so richtig Zeit für dich. Zelebriere es. Genieße einen schönen Film mit Eis und Wein oder was dir sonst so schmeckt. Oder schnapp dir einen schönen Schmöker, bereite dir einen Tee oder Cappuccino zu, mache dir Kerzen oder eine Lichterkette an und kuschle dich so richtig schön in eine Decke und genieße dein Buch und die entspannte Stimmung.

Meditieren ist ebenso eine Möglichkeit, um zur inneren Ruhe zu kommen, wie auch ein Spaziergang im Wald, bei dem du mit allen Sinnen versuchst in dich aufzunehmen, was um dich herum geschieht.

Da ist deiner Fantasie also ebenso freier Lauf gelassen. Es sollte dich nur entspannen und nicht neuen Stress bei dir auslösen.

Noch ein kleiner Reminder für dich:

*Du musst nicht immer stark sein!

*Du darfst traurig, wütend, hilflos, ängstlich, gestresst usw. sein. Deine Gefühle sind in Ordnung!

*Du darfst um Hilfe bitten.

*Zeit für dich ist keine verschwendete Zeit, sondern eine Investition in dich selbst.

*Du bist gut wie du bist!

*Nimm dich wie du bist, mit all deinen Stärken und Schwächen! Du bist einmalig und das ist auch gut so!

*Konzentriere dich auf die guten Seiten und Erfolge, nicht auf die Fehler!

*Fehler sind erlaubt und in Ordnung. Sie sind schlichtweg menschlich.

*Vergiss nie, dich zu loben und auch stolz auf dich zu sein!

*Gib dein bestes, ohne dein Bestes (also all deine Zeit, Energie usw.) zu geben.

Bist du auch Perfektionist? Wie gehst du damit im Alltag um? Wenn du die Übungen ausprobiert hast, lass es mich gerne wissen, wie es dir damit ergangen ist.  

Hat dir der Artikel gefallen? Dann freue ich mich auch hier über Feedback in den Kommentaren.

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