Perfektion ist eine Illusion

Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit einem Freund, der chronisch krank ist und zusätzlich auch von Geburt an eine Einschränkung hat, die man ihm nicht ansieht.

Bei diesem Gespräch gestand er mir, wie schwer es ihm fällt, über manche sogenannte „Makel“ von ihm zu sprechen, weil er dann das Gefühl hat, minderwertig und nicht gut genug zu sein.

Im Zweifel nimmt er lieber in Kauf, dass es zu Schwierigkeiten kommt, als dass er offen zugibt, dass es ein Problem gibt. Denn er möchte sich nicht fühlen, als sei er ein Problem. Als sei er fehlerhaft. Denn genau das vermittelt unsere Gesellschaft nur all zu gerne, wenn es darum geht, nicht „perfekt“ zu sein.

Und dieser Freund von mir ist so ein toller Mensch, dass ich mich echt Frage „what the heck“, wieso denkt genau er so von sich? Wieso hat er das Gefühl, nicht offen darüber sprechen zu können? Was sind wir für eine Gesellschaft, wenn wir Menschen, die krank sind oder eine Beeinträchtigung haben, so ein Gefühl geben? Das Gefühl vermitteln, sich für seine Einschränkungen schämen zu müssen?

Sie haben es sich nicht ausgesucht. Sie leiden im Zweifel schon genug unter dieser Einschränkung oder Erkrankung. Warum also geben wir ihnen das Gefühl nicht gut genug zu sein und das obwohl diese Einschränkung nicht mal einen Bruchteil dessen darstellt, was diesen Menschen in seiner Gesamtheit ausmacht? Und was sind wir für eine Gesellschaft, in der wir meinen, jedem vorspielen zu müssen, dass wir perfekt sind, obwohl es doch keiner von uns ist? Aus Angst verurteilt und stigmatisiert zu werden.

Dabei ist dieser Anspruch an Perfektion so “verrückt”.

Die anderen sind auch nur Menschen

Bleiben wir mal beim rein Äußerlichen, gibt es schon allein da keine Perfektion. Mal angenommen, man hat da ein „perfektes“ Model vor sich. Viele von uns würden in etwa so etwas denken wie „Wow, wie schön sie doch ist. So würde ich auch gerne aussehen. Wieso bin ich nicht so schön? Wieso bin ich zu dick oder zu schlaksig, zu groß oder zu klein und ähnliches?“. Und dann vergleichen wir uns und machen uns fertig, dass wir diesem Ideal eines Menschen nicht entsprechen.  

Wenn man nun aber ganz genau hinschauen und auch die „Brille der Fehlersuche“ aufsetzen würde, würde man  auch bei diesem perfekten Model etwas finden, was nicht perfekt ist. Die Beine, die im Verhältnis zum Oberkörper vielleicht zu kurz sind. Hier ein Muttermal, da ein Fältchen. Das Gesicht ein kleines bisschen zu asymmetrisch. Cellulite am sonst so perfekten Körper und ähnliches. Wir würden also sehen, dass auch das zunächst makellos erscheinende Model ebenfalls nicht perfekt ist.

Und vielleicht sogar mit denselben Unsicherheiten wie wir alle kämpft.

Es gibt weder im Innen noch im Außen Perfektion

Und selbst wenn wir mal annehmen würden, diese perfekte Erscheinung wäre äußerlich perfekt. Was dann? Dann lacht sie vielleicht ein bisschen zu laut, oder geht etwas zu schief, oder, oder, oder. Wenn man möchte, wird man einen Makel finden. Nein, ich bin sicher, es werden sich viele „Makel“ finden lassen. Das ist einerseits die „schlechte“ Nachricht. Andererseits ist es aber auch eine gute Nachricht, weil es eben aufzeigt: niemand ist verdammt nochmal perfekt!

Quelle: Gerd Altmann auf Pixabay

Ich möchte damit nicht sagen, dass wir unseren Blick auf das negative von anderen richten sollten. Ich glaube nur, dass es manchmal helfen kann, wenn man sich selbst zu sehr im schlechten Lichte betrachtet, zu sehen, dass auch alle so „perfekten“ Menschen nicht perfekt sind. Denn weder gibt es perfekte Menschen, noch gibt es den einen Maßstab von perfekt.

Auch wenn wir also alle nicht perfekt sind, ist gleichzeitig jeder von uns für jemand anderen mit all seinen Makeln perfekt so wie er ist. Für den einen ist das laute Lachen zu laut und störend, für den anderen besonders süß und einfach zum verlieben. Es ist wie so oft im Leben alles eine Frage der subjektiven Betrachtungsweise und Bewertung.

Vom Gefühl nicht richtig zu sein – Weiterentwicklung ist gut, wenn sie aus den richtigen Gründen geschieht

Aber seien wir doch mal ehrlich: wir alle haben doch Dinge, die uns nicht gefallen und an denen wir vielleicht noch arbeiten wollen (vorausgesetzt, das ist möglich). Seien es nun Äußerlichkeiten wie das Gewicht. Oder das Bedürfnis, seine Impulse besser kontrollieren zu können und in Gesprächen ruhiger zu bleiben. Oder sei es zu lernen, sich so zu akzeptieren, wie man ist.

Und das ist auch völlig okay. Entwicklung ist gut.

Eine Abnahme kann der Gesundheit zuträglich sein. Eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit kann zu mehr Zufriedenheit im Leben führen. Diese Veränderungen wären also positiv für uns. Aber nur, wenn wir sie für uns selbst tun und nicht, weil wir einem falschen Ideal folgen. Und erst Recht nicht, weil wir das Gefühl haben, falsch zu sein, wie wir sind.

Man sollte sich also auf die Dinge konzentrieren, die es wirklich nötig haben, verändert zu werden. Die die eigene Lebensqualität erhöhen. Denn als allererstes sind wir gut so, wie wir sind. Ohne wenn und aber!

Perfektion in jedem Bereich unseres Lebens

Der Anspruch an Perfektion hört jedoch bei den körperlichen Attributen und Charaktereigenschaften nicht auf. Unsere Gesellschaft gaukelt uns vor, dass wir in allem perfekt sein müssen. Der perfekte Job, das perfekte Haus, die perfekten Freunde, der perfekte Partner – kurzum das perfekte Leben. Bei allem müssen wir immer perfekt sein, immer 150 % geben. Dass das völlig unrealistisch ist, wird dabei ausgeblendet. Die sozialen Medien sind dabei, wie hinlänglich bekannt, nicht gerade förderlich, weil hier eine Illusion von Perfektion aufgebaut werden kann. Mit dem passenden Ausschnitt und der Bildbearbeitung kann jedes Foto ein Bild von Perfektion übermitteln, die so gar nicht existieren kann. Aber wir alle lassen uns davon beeinflussen und blenden. Und so fangen wir an, unsere eigenen Leben mit diesem augenscheinlich so perfekten Leben der anderen zu vergleichen und zu hinterfragen.

Was am Ende darunter leidet ist die Dankbarkeit und Zufriedenheit mit dem, was wir selbst haben. Denn wenn wir mal mit einem positiven Blick auf uns selbst schauen, hat doch jeder von uns auch so viele schöne Seiten, so viele Stärken. Und die meisten von uns haben schon so vieles in ihrem Leben, unter nicht immer einfachen Bedingungen, geschafft. Es gibt dabei also so vieles um dankbar und auch Stolz auf sich selbst, zu sein. Ist es da wirklich so wichtig, dass die Nase nicht perfekt grade ist? Oder die Waage zu viele Kilos anzeigt? Ist es wichtig, ob wir ein teures Auto fahren oder das größte Haus besitzen?

Wir sind und haben genug

Ich denke nicht! Viel wichtiger ist es doch sich auf die wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren. Wie Freundschaften, Partnerschaft, Familie. Auf Liebe, Freude, positive Weiterentwicklung und Entfaltung.

In Deutschland hat der Großteil von uns ein Dach über dem Kopf und immer genug zu essen. Wir müssen also weder Hunger leiden noch frieren. Auch haben wir Zugang zu Bildung und somit eine Zukunftsperspektive. Wir haben ein funktionierendes Sozialversicherungssystem. Jeder hat Zugang zu medizinischer Versorgung. Wir haben keinen Krieg, wir haben keine riesigen Umweltkatastrophen wie Erdbeben, Tsunamis und co.

Mir ist klar, dass das nicht immer alles so einfach ist, wie es scheint. Gerade Corona ist natürlich auch hier für sehr viele eine Herausforderung. Und auch wir haben Probleme in unserem Land wie Alters-und Kinderarmut usw. Und dann hat da natürlich jeder noch sein individuelles Päckchen zu tragen. Dennoch haben wir verdammt vieles wofür wir sehr, sehr dankbar sein können (was aber nicht bedeutet, dass man nicht auch mal unglücklich sein und jammern darf!).

Warum sollte man sich also ständig mit anderen vergleichen? Und warum anderen ein schlechtes Gefühl dafür vermitteln, dass sie nicht so perfekt sind, wie es uns die Medien und ähnliches vorgaukeln. Warum also Menschen verurteilen, die ihr Leben nicht nach der Norm ausrichten wollen?

Du bist gut wie du bist. Du bist okay. Du bist gut genug! Quelle: healthyfeelings

Festzuhalten bleibt doch, dass es kein perfekt gibt. Wir alle haben Ecken und Kanten. Und sind gleichzeitig gut – genau so wie wir sind! Jeder Fehler, jede Schwäche macht uns, genauso wie unsere Stärken, zu dem Menschen, der wir sind. Und damit absolut einzigartig auf dieser Welt.

Achte doch lieber auf die schönen Seiten im Leben und bei anderen Menschen

Wir sollten unseren Blick also viel lieber darauf lenken, was gut in unserem Leben und was toll an anderen Menschen ist. Achtet man nur auf das, was vielleicht im ersten Moment nicht perfekt wirkt, entgeht einem vielleicht ein wunderbarer Mensch, der das Leben unheimlich bereichern kann.

Gehe ich nun gedanklich zurück zu meinem oben genannten Freund, kann ich für mich sagen, dass ich nur selten einen Freund wie ihn erlebt habe. Begleitet er mich doch schon einen Großteil meines Lebens. Ein Mensch, der herzensgut ist, mit dem ich Freud und Leid teilen kann. Einen Freund, den ich niemals in meinem Leben missen wollen würde.

Was wäre also, wenn ich ihn für das verurteilen würde, was er nicht kann oder ist? Ich würde so unfassbar viel verpassen. Warum also, sollte ich das tun? Mal davon abgesehen, dass ich diese sogenannten „Makel“ im Alltag kaum wahrnehme und sie für unsere Freundschaft keine Rolle spielen.

Weg von der Perfektion und hin zum Leben

Also lasst uns doch bitte von diesem Bild des Perfektionismus Abstand nehmen. Es lebt sich doch so viel leichter, ohne den Anspruch an sich selbst und andere, perfekt sein zu müssen.

Quelle: Gerd Altmann auf Pixabay

Wie wäre es, wenn wir stattdessen mal ganz unbeschwert tanzend über die Straße laufen und einfach mal gepflegt auf unsere unperfekte Lockenpracht scheissen. Life is too short to be perfect 🙂

Oder auch: „Das sind keine Fehler. Das sind special effects.“.

Dankbarkeit für das was man hat und eine positive Betrachtungsweise in Bezug auf andere (weg von der Fehlersuche und hin zu den Potentialen) sind also der Schlüssel dafür, diesem Perfektionswahn zu entgehen. Niemand von uns ist perfekt und keiner von uns muss es sein. Perfektion ist eine Illusion 🙂



Wie seht ihr das? Ich freue mich über eure Meinung zum Thema.

PS: Passend zum Thema kann ich euch ein Lied empfehlen: „Schön genug“ von Lina Maly. Sie greift das Thema “Perfektionismus” schön auf, wie ich finde.

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