Jammern verboten!?

Kennt ihr auch so Menschen, die die Philosophie vertreten „jammert nicht“?

Und am besten: „einfach tun, nicht jammern“. Wer jammert belastet nur andere. Wer jammert, will nichts verändern. Wer jammert, versinkt im Selbstmitleid. (Kennst du eigentlich schon meinen Artikel “Warum dir Selbstmitleid gut tut”?)

Ich finde solche Aussagen immer ganz schrecklich und noch dazu schrecklich unqualifiziert. „Jammern“ oder besser gesagt, das Ausdrücken von Gefühlen, ist das gesündeste, was man tun kann. Wenn man einen schlechten Tag hat, die Gefühle in einem brodeln, dann gibt es doch nichts befreienderes und wohltuenderes als über diese Gefühle zu sprechen. Den ganzen Mist einfach mal raus zu lassen, ggf. zu schimpfen oder zu weinen. Einfach raus mit allem, was raus muss (solange es natürlich niemandem schadet). Und dann, wenn die Gefühle gelebt wurden, kann eine Reflektion der selbigen einsetzen. Generell findet viel Reflektion statt, wenn man die Situationen gedanklich für sich selbst oder im Dialog mit anderen, durchspielt. Allein das Erzählen und „raus lassen“ kann dabei also schon unheimlich viel für die eigene Psyche tun – auch Psychohygiene genannt.

Wie kann Psychohygiene bei Belastungen helfen?

Im Laufe eines Tages ist man vielen inneren und äußeren Einflüssen ausgesetzt, die nicht immer gut sind. Sei es nun der Stress auf der Arbeit oder Probleme mit den Mitmenschen. Das Verkehrschaos das einen bereits am Morgen in Stress versetzt, jegliche Umweltbelastungen, Klimaveränderungen, im schlimmsten Fall Beleidigungen, Verletzungen usw.

Diese Einflüsse können die Psyche stark belasten und ohne ausreichende Reflektion bis hin zur Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit führen. Um die negativen Auswirkungen solcher Einflüsse abzumildern, wird Psychohygiene verwendet. Der Begriff umfasst dabei alle Maßnahmen zur Erhaltung und Erlangung der psychischen Gesundheit. Man könnte es auch „aufräumen im Kopf und den Gefühlen“ nennen, um so der inneren Unordnung Herr zu werden. Es bedeutet, allen negativen Faktoren und Erlebnissen aktiv zu begegnen, um so den Stress, die negativen Emotionen, Ängste und Sorgen loszuwerden. Geschieht dies frühzeitig und regelmäßig, so wird dadurch verhindert, dass sich die Negativität anstauen und eine große Belastung darstellen kann.

Für eine gesunde Psyche ist die Auseinandersetzung also unerlässlich. Das bedeutet, das sogenannte „jammern“ tut etwas für eure Psychohygiene und stellt damit einen Mehrwert für eure eigene psychische Gesundheit dar.

Weitere Vorteile des Teilens (negativer) Emotionen

Hinzu kommt, dass „das gegenseitige Ausweinen und Unterstützen“ eine Beziehung, sei sie nun freundschaftlicher oder partnerschaftlicher Natur, stärken kann. Das gemeinsame durchleben schwieriger Situationen stärkt nachweislich Beziehungen.

Sollte euch also mal wieder jemand sein Leid klagen, nutzt dies doch einfach mal als Chance für eine Verbesserung eurer Beziehung, als Chance den anderen besser kennen zu lernen, sich näher zu kommen und gemeinsam an schwierigen Situationen zu wachsen. Zugleich ist es Ausdruck gegenseitiger Empathie, wenn man sich in solchen Situationen auffängt und gegenseitig stärkt.

Wenn jemand „jammert“ bedeutet es aber gleichzeitig auch, dass ein gewisser Leidensdruck vorhanden ist, sollte er auch noch so temporär sein. Und ich finde, dann hat derjenige unser Mitgefühl verdient. Wünschen wir uns das selbst nicht auch immer mal wieder? Dass jemand da ist, uns zuhört, uns vielleicht in den Arm nimmt? Warum also nicht bei sich selbst anfangen und für andere da sein. Ich bin sicher, sie werden es euch danken und euch ebenso ein Ohr schenken, wenn ihr eines benötigt (Anderenfalls wäre es eine ungesunde Beziehung, wenn sie zu sehr auf Einseitigkeit basiert – diesem Thema werde ich mich aber nochmals gesondert widmen.).

Anmerkung: Natürlich sollte auch das sog. „jammern“ ein gesundes Maß beinhalten. Wer stunden-, gar tagelang nur jammert, gleichzeitig aber nichts an den zugrunde liegenden Problemen verändert oder verändern will, bleibt natürlich in ungesunden Situationen und Verhaltensweisen stecken. Aber selbst das tägliche austauschen der eigenen Gefühle und Situationen bedeutet nicht gleich ein ungesundes „jammern“.

Wie seht ihr das? Empfindet ihr den Austausch über Gefühle schnell als “Jammern” anderer oder seid ihr ein Fan des gepflegten Austausches von Gefühlen?

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