Von Heimatlosigkeit und einer Reise in die Vergangenheit

Anmerkung:

Das heutige Thema ist entstanden, da ich in einer Facebookgruppe, in der ich aktiv bin, gebeten, wurde, einen Beitrag zum Thema Heimat zu verfassen. Meine erste Reaktion war, dass ich zum Thema Heimat nichts beitragen kann, weil ich keine Heimat im herkömmlichen Sinn habe.

Ich wurde dann gebeten, genau über diese Heimatlosigkeit zu schreiben, da sie das Thema Heimat ergänzt. Beim Schreiben stellte ich dann fest, dass das Thema auch gut zu meinem Blog passt. Immerhin ist Heimat ein Thema, das sicher den einen oder anderen von euch beschäftigt. Heute komme ich dabei weniger mit guten Tipps „um die Ecke“, sondern berichte euch vielmehr von meinen Erfahrungen.  

Was bedeutet Heimat

Für diesen Beitrag musste ich erstmal überlegen, was Heimat überhaupt bedeutet. Ich selbst würde Heimat als einen Ursprungsort definieren, an dem man geboren wird oder zumindest aufgewachsen ist. Oder einen Ort, an dem man schon sehr lange lebt.

Heimat heißt für mich aber auch, immer wieder nach Hause zu kommen, an einen Ort, der zu einem gehört und an dem man sich wohl fühlt. Selbst wenn man schon lange nicht mehr dort leben sollte. Es bedeutet also, egal von wo aus, immer wieder zurück nach Hause zu kommen. Heimat bedeutet damit für mich Geborgenheit, Sicherheit und Zugehörigkeit. Sie heißt Wurzeln zu haben und Wurzeln zu schlagen.

Wikipedia beschreibt Heimat als einen Begriff, der auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum bzw. Territorium verweist. Im Allgemeinen wird Heimat als Ort benannt, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die die Identität, den Charakter, die Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen. Aber ebenso steht er in Verbindung mit dem dauerhaften sich-niederlassen und damit dem Wohnen an einem Ort bzw. einer Region.

Quelle: healthyfeelings.de (erstellt mit Wortwolken.com)

Ich habe keine Heimat

Ich selbst bin einer dieser Menschen, die von sich sagt, dass sie keine Heimat hat. Natürlich habe ich ein Zuhause, ein Dach über den Kopf. Ich bin und war nie obdachlos. Aber ich bin heimatlos.

Schon von klein auf sind wir ständig umgezogen, alle 2 bis 3 Jahre in eine größere Entfernung, aber auch zwischendurch durchaus mal innerhalb einer Stadt. Oder einfach vom Dorf in die Stadt in der Nähe. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, aber ich war schon mal bei einer Zahl von 20 Umzügen angelangt. Unzählige davon allein in meiner Kindheit.

Als Konsequenz aus der ganzen Umzieherei entstand für mich das Gefühl der Heimatlosigkeit, des nie irgendwo richtig Ankommens. Ich kenne das Gefühl nicht, wie es ist „nach Hause zu kommen“ an einen Ort, der schon immer meine Heimat war. Mir fehlt also, was viele andere Menschen haben.

Keine Heimat zu haben bedeutet aber für mich nicht nur, dass man kein Zuhause im obigen Sinne hat, es bedeutet auch, dass einem dieses besondere, enge Netz fehlt, welches viele Menschen in ihrer Heimat haben. Das enge Netz aus Familie, Freunden, Bekannten, die man schon ewig kennt und zu denen man immer wieder mit Freude zurück kehren kann. Mit denen man sich auch dann im Herzen verbunden fühlt, wenn man später ganz woanders lebt.

So war mein Leben schon ganz automatisch immer davon geprägt, Freunde zu verlieren und neue zu gewinnen. Schließlich lebte ich nie lange an einem Ort. Freunde und Kontakte zu früheren Wohnorten hatte ich so immer wieder in verschiedenen Städten, aber mit der Zeit verblassten die meisten Kontakte.

Eine Heimat im eigentlichen Sinne habe ich also nicht. Welchen Ort sollte ich auch wählen? Letztendlich war kaum einer besser als der andere, wenn es natürlich schon auch Unterschiede gab.

Quelle: Thomas B. auf Pixabay

An manche erinnere ich mich dabei mehr, an andere weniger. An manche lieber und an manche weniger gern.

Kindheitserinnerungen

Ich erinnere mich gut an das Dorf, in dem wir lebten, als ich in der zweiten Klasse war. Es lag in der Nähe von Bremen. Ich hatte eine liebe Freundin, die mir besonders gut im Gedächtnis geblieben ist und mit der ich oft durch das Dorf stromerte. Wir spielten Cowboy und Indianer. Versteckten uns hinter Hügeln und in Gebüschen. Wir aßen wilde Brombeeren von Sträuchern am Wegesrand.  Und wir liebten es die Katzen und Kühe, auf dem Bauernhof des Nachbarn, zu streicheln.

Auch bekam meine Familie an diesem Ort unsere erste Katze. Besser gesagt, fand mein Bruder sie und sie gehörte fortan zu uns. Die ersten Tage sollte die Katze nur draußen leben. Meine Mutter wollte sie nicht in der Wohnung haben. Aber es stellte sich schnell heraus, dass das keine so gute Idee war. Neben den offensichtlichen Gründen (wer würde heutzutage schon so mit seiner Katze umgehen, aber die Zeiten waren leider anders), lag es wohl an den Nachbarn oder irgendwas ähnlichem, an das ich mich nicht mehr so genau erinnere. Aber fortan durfte er mit in die Wohnung und wurde zu dem ersten (von später weiteren) geliebten Familienkater.

Die enge Freundschaft zu meiner Freundin wurde dann jäh durch den nächsten Umzu g durchbrochen. Erst zogen wir in die nahe gelegene Stadt. Etwas später an einen anderen Ort.

Gemischte Gefühle habe ich zu der Zeit in der Schweiz (dort lebten wir für 3 Jahre an zwei Orten). Einerseits war die Landschaft bombastisch und ich liebte das Schlitten- und Bobfahren im Winter. Auch so manche Tradition wie das Fondue-Essen mit den Nachbarn fand ich sehr schön. Mein Bruder und ich liebten auch das Schlittschuh laufen im Winter und das Inliner fahren und Inline-Hockey im Sommer. Auch dort waren wir wild und frei in der Natur unterwegs. Erwachsenenaufsicht gab es nicht. Wir zogen auch hier durch die Wälder und Wiesen.

Die Flüsse, die es gefühlt an jeder Ecke gab, habe ich ebenfalls in sehr schöner Erinnerung. Man konnte über die Steine laufen oder im Fluss planschen. Teilweise waren sie sehr flach, teilweise tief und reißend. Ich spielte mit den einfachsten Dingen. So erinnere ich mich, dass ich im nahe gelegenen Wald unter einem Baum ein Dörfchen aus Moos, Steinen und Stöckchen baute.

Gleichzeitig wurde ich mit den Menschen in der Schweiz einfach nicht so richtig warm. Wobei es natürlich auch sehr liebe Menschen gab und ich das nicht unbedingt der Schweiz/Kultur zurechnen würde. In jeder Phase des Lebens trifft man eben auch auf unterschiedliche Arten von Menschen. So richtig zugehörig fühlte ich mich jedoch nie. Was sicherlich auch den ständigen Umzügen geschuldet war. Aber wir bekamen auch manchmal den Eindruck, dass sich die Schweizer mit Zugezogenen teilweise etwas schwerer taten. Eine Heimat entstand also auch in der Schweiz nicht für mich.

Die Zeit in Berlin blieb mir ebenfalls als durchwachsen in Erinnerung. Was aber weniger am Ort, und mehr an den Geschehnissen lag. Aber ich habe immer gern an unsere Landeshauptstadt zurückgedacht und habe in meiner Jugend lange Zeit geplant, dorthin zurück zu kehren, wenn ich mal erwachsen bin. Mit der Zeit verschwamm aber auch dieses Gefühl der Zugehörigkeit, je länger ich nicht mehr dort lebte. Eine Heimat wurde damit auch Berlin nicht.

Ich habe also viele Erinnerungen, an die unterschiedlichsten Orte. Eine Heimat ist aber keiner dieser Orte.

Heimatlos und außen vor

Heimatlos zu sein bedeutete für mich damit nicht nur, keine Wurzeln, kein festes Zuhause zu haben. Es bedeutete auch immer ein stückweit außen vor zu sein. Wie verloren im All, immer auf der Suche nach einer Heimat. Ein stückweit, wie ein Außerirdischer, der von außen drauf schaut, zuschaut, aber nie richtig dazu gehört.

Quelle: Gerd Altmann auf Pixabay

Als Kind fühlt man sich mit all den Umzügen und ohne die festen Wurzeln zerrissen. Herum geschubst. Man ist immer wieder fremd. Immer wieder die Neue. Man gehört nirgends hin und nirgends dazu. Während andere ihren festen Freundeskreis, eine intakte Familie und ein festes Leben haben, schwebt man im nichts.

Man sieht sie lachen und spielen. Freunde, die sich schon ewig kennen. Und man gehört doch nie dazu. Ein vertrautes Netz und Sicherheit gibt es nicht. Damit fühlt man sich schon ganz automatisch klein, unsicher und weniger wertvoll.

Natürlich schließt man immer wieder auch neue Freundschaften. Aber es ist nicht dasselbe, wenn man immer wieder gehen muss. Und die anderen sich schon so lange kennen, dass man sich immer ein stückweit ausgeschlossen fühlt. Sie teilen so viele Erinnerungen, bei denen man einfach nicht mitreden kann.

Und so schwebt man also durchs All, immer mit der Hoffnung auf festen Halt. Aber die Hände, sie rutschen immer wieder ab.

Inzwischen habe ich das abgeschüttelt. Aber als Kind, als Jugendliche hat das sehr viel mit mir gemacht. Aus einem lebhaften Kind, wurde ein stilles Kind, welches sich in Gedanken immer wieder wegträumte. Fehlende Wurzeln und ein zerrüttetes Heim forderten ihren Tribut.

Aber auch wenn ich mich heute größtenteils davon befreit habe, spüre ich noch immer diesen Wunsch, nach Sicherheit und Geborgenheit. Nach Zuverlässigkeit und Wurzeln. Während andere das Bedürfnis haben in fremde Länder zu reisen und die Welt zu sehen, wünsche ich mir nur Beständigkeit und eine Heimat.

Zarte Wurzeln

Allerdings gab es in meinem Leben einen Ort, an dem ich tatsächlich mehrere Jahre am Stück gelebt habe. Um genau zu sein 7 Jahre. Alles begann damit, als ich mit 16 ausgezogen bin. Von Berlin aus war meine Mutter zuvor mit uns mitten aufs hessische Land gezogen. Von der Großstadt aufs Dorf. Nein, Dorf kann man ein Haus umgeben von Wald schon nicht mehr nennen. Man könnte eher sagen, von der Großstadt ins Nirgendwo. Von diesem Nirgendwo aus, in dem ich ca. 2 Jahre lebte, zog ich dann also mit 16 Jahren erstmals alleine aus. Vom Wald aus in mein 1-Zimmer-Apartement in die Universitätsstadt Göttingen.

Auch da war ich zunächst natürlich fremd. Ich kannte bis auf die Tochter des Partners meiner Mutter niemanden. Wir verstanden uns zwar gut, jedoch war sie einige Jahre älter und lebte ihr eigenes Leben.

Aber ich lebte mich nach und nach ein und gewann erste Freunde hinzu. Und mit der Zeit wurde mir der Ort, die Stadt, immer vertrauter. Ich kannte immer mehr Ecken aus Göttingen und fühlte mich immer wohler. Auch lernte ich immer wieder neue Leute kennen und baute mir einen festen Freundeskreis (sowie auch Freundschaften außerhalb von diesem) auf. Ich schlug also zarte Wurzeln. Göttingen wurde damit zu einem Ort, mit dem ich am ehesten das Wort Heimat verbinden würde. Was habe ich dort nicht alles erlebt. Wilde Partynächte mit tollen Leuten und guten Gesprächen. Enge Freundschaften mit besonderen Menschen. Aber auch die einen oder anderen Dramen. Unsere eigenen Weihnachtsfeste, mit meinem Freundeskreis, an dem wir uns Witzgeschenke machten, über die ich noch heute lachen kann (die Fotos dazu sind der Brüller). Ich wurde in dieser Stadt erwachsen. Und ich lernte dort die Liebe meines Lebens kennen.

Quelle: Alexas_Fotos auf Pixabay

Zurück in die Heimat eines anderen

Auch heute noch habe ich Freunde in Göttingen, zu denen ich immer noch Kontakt habe. Auch wenn die Kontakte durch die Entfernung natürlich unregelmäßiger geworden, sind als früher.

Leider musste ich später aufgrund meines Studiums erneut umziehen. Ich studierte in der Nachbarstadt und pendelte am Anfang noch über eine Stunde. Aber mit der Zeit wurde die Pendelei sehr anstrengend, zumal ich auch krank wurde. Das heißt, auch diese Heimat verlor ich irgendwann.

Weitere Umzüge folgten, dieses Mal mit meinem Mann.

Mein Mann hat seine Heimat in der Nähe von Köln. Und so zogen wir, nachdem auch ich mein Studium beendet hatte, nach Köln. Auch dort zogen wir später noch ein weiteres Mal innerhalb Kölns um.

Inzwischen wohnen wir, aufgrund der Arbeit meines Mannes, mit unseren 2 Katzen in Bonn. In Köln hatten wir so auch nur etwas über 3 Jahre gelebt. Auch wenn wir uns dort sehr wohl gefühlt hatten. Aber wie das Schicksal so wollte, fand mein Mann seine Traumjobs immer in Bonn. So zog es uns also irgendwann dorthin, denn das Pendeln von Köln aus kostete viel Zeit, die dann an anderer Stelle fehlte.

Und auch in Bonn ist dies schon unsere zweite Wohnung. Mein Mann und ich sind zusammen also auch schon insgesamt 5 Mal umgezogen.

Umzüge sind ein Thema meines Lebens

Man könnte also sagen, das Thema meines Lebens zieht sich weiter fort. Auch wenn das nie so geplant war und ich eigentlich gerne einmal an einem Ort ankommen würde. Aber es kommt oft anders als man denkt und plant. So spielt eben das Leben.

In der jetzigen Wohnung leben wir nun etwas über ein Jahr. In Bonn selbst bereits über 2,5 Jahre. Ich bin nun auch hier angekommen und fühle mich soweit wohl. Ich habe neue Freundschaften geschlossen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind.

Bonn ist also mein (derzeitiges) Zuhause. Eine Heimat ist es aber nicht. Es ist ein weiterer Ort von vielen.

Aber wer weiß, vielleicht verschlägt es mich ja doch nochmal nach Göttingen zurück? Über diesen Gedanken bin ich schon so manches Mal gestolpert. Vielleicht könnte ich ja dann doch nochmal tiefere Wurzeln schlagen. Aber im Moment ist das keine Option. Und auch die Umzüge stehen uns bis zum Halse.

Trotzdem bin ich meistens ganz zufrieden so wie es ist. Denn „home is where the heart is“. Und mein Herz, das sind mein Mann und meine Katzen, sowie meine Freunde und Familie – manche von ihnen vor Ort, manche mit einem anderen Wohnort, aber im Herzen immer dabei.

Ich bin also genau da, wo ich gerade hingehöre.

Quelle: healthyfeelings.de, erstellt mit Canva.com

Das war also ein Teil meiner Geschichte. Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr eine Heimat oder seid ihr wie ich eine von den “Heimatlosen”? Was ist deine Geschichte? Erzähl es mir gerne in den Kommentaren.

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