Folgen chronischer Erkrankung

Was es bedeutet chronisch krank zu sein – eine Einführung

Ich bin chronisch krank.

Und deshalb ist das heutige Thema ein sehr persönliches für mich. Heute soll es jedoch nicht darum gehen, dass ich meine Geschichte erzähle, denn das werde ich ein anderes Mal tun. Aber es soll darum gehen, wie es ist chronisch krank zu sein und was das mit den Menschen machen kann.

Obwohl das Thema in unserer Gesellschaft verhältnismäßig wenig Beachtung findet, gibt es sehr viele Betroffene. Denn allein in Deutschland lebt mehr als jeder zweite mit einer oder mehreren chronischen Erkrankungen. Das heißt über die Hälfte der Menschen in Deutschland ist chronisch krank. Allein durch die verlorenen Lebensjahre (durch eine geringere Lebenserwartung oder einen frühen Tod) und die Jahre mit gesundheitlichen Einschränkungen, kommen so jedes Jahr 25 Millionen verlorene gesunde Lebensjahre in Deutschland zusammen. 

Und chronisch Kranke Menschen müssen nicht nur an ihrer Erkrankung leiden. Sie leiden oftmals auch an den daraus resultierenden Folgen im persönlichen, beruflichen und gesamtgesellschaftlichen Bereich. Und ich halte es für wichtig, darauf aufmerksam zu machen, was chronische Erkrankungen für die Betroffenen bedeuten können.

1. Was heißt chronisch krank?

Als chronisch krank gilt, wer länger als 3 Monate an einer Erkrankung leidet. Im Gegensatz zu einer akuten Erkrankung, die wieder verschwindet, bleibt diese Erkrankung also bestehen. Die Betroffenen sind in den meisten Fällen ein Leben lang dadurch beeinträchtigt.

Die Erkrankungen können hier vielfältig sein und oftmals leiden Betroffene an mehr als einer Erkrankung, sind also doppelt oder dreifach geplagt.

Chronische Erkrankungen können hier sein: Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems wie Bluthochdruck oder eine Herzinsuffizienz uä., Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen wie Hashimoto-Thyreoiditis oder Morbus Basedow, chronische Magen-Darm-Erkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis Ulcerosa, Kollagene Kolitis usw., chronische Rückenschmerzen, Depressionen, Angsterkrankungen, Migräne, Fibromyalgie, chronische Nierenleiden, Krebsleiden und viele mehr.

Die Ausprägungen sind dabei sehr unterschiedlich. Der eine hat eher leichte Symptome und kann sein Leben noch normal und ohne Einschränkungen leben. Wieder andere haben so schwerwiegende Symptome, dass ihr Leben extrem eingeschränkt ist.

Das kann zum Beispiel bei starken Schmerzleiden wie täglicher Migräne oder der Fibromyalgie der Fall sein. Aber auch chronische Nierenleiden, die vielleicht mit einer Dialyse einher gehen, können das Leben sehr stark einschränken.

Auch mit starken Depressionen oder Ängsten, kann das Leben stark beeinträchtigt sein, sodass viele Dinge des Alltages nicht mehr oder nur noch stark eingeschränkt möglich sind.

Die Erkrankungen könnten hier vielschichtiger nicht sein. Allesamt haben sie gemeinsam, dass sie das Leben der Betroffenen sehr stark beeinträchtigen können und somit eine große Herausforderung für die Betroffenen darstellen, der sie sich alltäglich stellen müssen.

2. Folgen chronischer Erkrankungen

Eine chronische Erkrankung kann viele Unsicherheiten auslösen, denn sie wirkt sich auf die eigene Identität und die Lebensplanung aus. Der Erkrankte muss eine große Anpassungsleistung vollbringen, um mit der Krankheit umgehen zu können. Und neben den körperlichen Symptomen führt sie oftmals zu Einschränkungen, die eine zusätzliche Herausforderung darstellen können.

2.1 Auswirkungen auf die Psyche

So können chronische Erkrankungen Auswirkungen auf die Psyche haben, da die Erkrankung eine große Belastung darstellt. Die Belastung durch die Erkrankung ist, je nach Erkrankung und Schwere der Erkrankung, unterschiedlich stark.

Ein Teil der großen Belastung sind die chronischen Schmerzen, die mit vielen chronischen Erkrankungen einhergehen. Das Aushalten dieser Schmerzen kostet viel Energie und Kraft.

Chronisch Krank zu sein bedeutet dabei einen Kontrollverlust zu erleiden, welcher Stress verursacht und zu einem Gefühl der Hilflosigkeit und Perspektivlosigkeit führen kann. Der Stress durch diese Gefühle kann sich dann auf den Krankheitsverlauf auswirken und ihn verschlimmern. Was dann wiederum zu noch mehr Stress führt.

Die Erkrankung führt aber nicht nur zu einem Kontrollverlust, sondern bedroht auch das Selbstbild der Betroffenen. Sie fühlen sich in ihrer körperlichen Unversehrtheit bedroht und verletzt. Zu akzeptieren, dass eine Erkrankung irreversibel, also unheilbar und umkehrbar ist und im Verlauf noch schwerwiegender werden kann, ist schwer zu akzeptieren. Ebenso mit der verringerten körperlichen Leistungsfähigkeit klar zu kommen.

So verliert manch ein Erkrankter zuweilen jegliche Hoffnung, dass es je besser wird. Jegliche Hoffnung, dass sich das Leben jemals wieder lebenswert anfühlen wird. Gefühle wie Trauer, Angst, Hilflosigkeit, Wut und Scham können die Folge sein. Aufgrund der hohen Belastungen können sich so zu chronischen Erkrankungen ernsthafte psychische Probleme wie Depressionen, Ängste, Anpassungsstörungen u.ä. gesellen.

Das Leben mit chronischen Erkrankungen kann sehr hart sein. 

Bild mit dem Wort Life. Die Buchstaben sind aus Buchstaben geformt mit den englischen Worten wie Torture, Disease Struggle etc. 

Quelle: Gordon Johnson auf Pixabay
Das Leben mit chronischen Erkrankungen kann sehr hart sein. Quelle: Gordon Johnson auf Pixabay

2.2. Auswirkungen auf das Sozialleben

Eine chronische Erkrankung bleibt, im Gegensatz zu einer akuten Erkrankung, dauerhaft. Die typische Rolle des Kranken, bei dem der Fokus auf der schnellen Genesung liegt, kann hier nicht ausgefüllt werden. Der Erkrankte hat nur im begrenzten Rahmen Einfluss auf die Verbesserung seines Zustandes, was bedeutet, dass er sich an diesen anpassen und einen möglichst guten Umgang damit lernen muss. Was bei einer akuten Erkrankung ein Ausnahmezustand ist, wird hier zum Dauerzustand.

Die Betroffenen werden dennoch mit einer großen Erwartungshaltung konfrontiert, entsprechend unserer Leistungsgesellschaft, schnellstmöglich gesund zu werden und zu funktionieren. Das ist bei einer chronischen Erkrankung aber zumeist nicht möglich, weshalb sich die chronisch Kranken dann entsprechenden Ansprüchen und Vorhaltungen aussetzen müssen. Dies kann zu großen Unsicherheiten und Gefühlen der Unzulänglichkeit und Ausgrenzung führen. Die soziale Rolle verändert sich also, was eine zusätzliche Belastung zu der Erkrankung darstellt.

Die Erkrankungen haben damit also Auswirkungen auf das Sozialleben. So können die Beschwerden so einschränkend sein, dass Treffen mit Freunden oder Unternehmungen außerhalb der eigenen vier Wände nur noch selten nachgegangen werden kann.

Chronisch Kranke können ihre Erkrankungen nicht steuern. Sie können nicht voraussehen, wann die Symptome in ihrer vollen Härte zuschlagen. Wenn dann Verabredungen abgesagt oder verschoben werden müssen, ist das für die Betroffenen meist ebenfalls sehr traurig.

Aber nicht nur, dass sie selbst etwas absagen mussten, auf das sie sich gefreut haben, weil sie von schlimmsten Symptomen gequält werden. Nein, auch schlägt ihnen oft das Unverständnis entgegen, wieso sie denn nicht kommen könnten. Normalerweise erhalten Kranke in solchen Situationen Mitgefühl. Wenn man jedoch aufgrund einer chronischen Erkrankung wiederholt Treffen absagen muss, schlägt das Mitgefühl jedoch sehr schnell in Verärgerung um. So werden chronisch Kranke des Öfteren mit stillen oder deutlichen Vorwürfen konfrontiert, verletzt und zurück gestoßen.

Hier schlägt dem chronisch Kranken dann also das totale Unverständnis entgegen und im Zweifel wird er in Zukunft nicht mehr eingeladen und ignoriert. Und das, obwohl er sich die Erkrankung und die Symptome nicht ausgesucht hat und auch viel lieber, bei einem Geburtstag oder einem Ausflug dabei gewesen wäre. Er wird also für etwas gestraft, wofür er nichts kann.

Wie oft bekommen chronisch Kranke dann zu hören, dass sie sich einfach nur mal zusammen reißen müssten. Das sie mal weniger jammern sollten und einfach mal machen. Dann würde es schon werden. Da möchte man so manchem gerne mal sagen: „Hau dir mit einem Hammer auf einen Kopf oder das Knie oder wo auch immer es schmerzt. Immer wieder. Und dann halte diese Schmerzen täglich aus und sage mir dann nochmal, dass man sich einfach nur zusammen reißen müsste.“.

So manch einer ist auch der Meinung, dass die chronisch Kranke Person einfach nur Mitleid wolle. Was für ein Hohn für die Menschen, die sowieso schon so viel zu ertragen haben.

Nicht nur leiden chronisch Kranke also an den Symptomen und Einschränkungen, sondern auch am fehlenden Mitgefühl ihrer Mitmenschen.

Manche Menschen sind im Sonnenschein Teil deines Lebens, aber verlassen dich, wenn es anfängt zu regnen.

Bild zeigt Sonnenuntergang mit schwarzen Bäumen. 

Quelle: Bild und Text healthyfeelings.de, Schrift erstellt mit canva.com
Quelle: Bild und Text healthyfeelings.de, Schrift erstellt mit canva.com

Die chronische Erkrankung verändert damit nicht nur das Leben der Menschen an sich, sondern hat auch große Auswirkungen auf das soziale Umfeld. Das fehlende Verständnis kann in Folge dann auch zur sozialen Isolation führen. Freundschaften können sich verändern oder verloren gehen und im Zweifel ist die kranke Person am Ende dann komplett allein.

2.3 Finanzielle Einbußen

Aber auch im beruflichen Bereich hat die Erkrankung große Folgen. Viele stark Betroffene können aufgrund der Erkrankungen keiner Tätigkeit mehr nachgehen. Sie werden lange krankgeschrieben und zum Teil frühverrentet. Dies hat natürlich monetäre Auswirkungen auf die Betroffenen und damit auf den persönlichen Lebensstil. Jeder, der mit wenig Geld auskommen muss, weiß, was das für Einschränkungen nach sich ziehen kann. Von Nahrungsmitteln, über Freizeitaktivitäten oder solchen Umständen wie das Kaufen einer neuen Waschmaschine. Auch kann es passieren, dass die Wohnung zu teuer ist und sich das Lebensumfeld somit verändern muss. Die Isolierung wird auch hier voran getrieben, in dem den Betroffenen auch schlichtweg das Geld für die Freizeitgestaltung und der Teilhabe am Leben fehlt.

Die Erkrankung kann hier also zu einem Gefühl der Perspektivlosigkeit führen. Die Sorgen und Ängste um finanzielle Mittel und wie man seine Rechnungen bezahlen soll, können einem den Schlaf rauben. Und auch die Sorgen um die Zukunft im Allgemeinen überschatten das Leben zusätzlich. Mit der chronischen Erkrankung bleibt unklar, wie alles weiter gehen soll und ob man jemals wieder in die alte Normalität zurück kehren kann.

2.4 Chronisch Krank in der Arbeitswelt

Ein fehlender Beruf hat aber nicht nur Auswirkungen auf die finanzielle Situation. Für viele geht der Verlust der Arbeitsfähigkeit auch mit einem Selbstwerteinbruch daher, da das Gefühl entstehen kann, weniger wert zu sein, wenn man nicht leistungsfähig ist. Hier spielt auch die gesellschaftliche Spiegelung eine Rolle. Die Leistungsgesellschaft, in der wir leben, ist hierbei nicht hilfreich. So wird oft das Bild vermittelt, dass nur derjenige etwas ist und einen Wert hat, wer leistet, leistet, leistet.

Das jemand mit chronischer Erkrankung dazu nicht oder in geringerem Maße in der Lage ist, wird dabei gerne ignoriert. Die Betroffenen bekommen in der Arbeitswelt also oft vermittelt, nicht gut genug zu sein, nicht belastbar zu sein und es einfach nicht genug zu wollen. Als hätten sie sich die chronische Erkrankung mit all ihren Folgen ausgesucht. So kann es schon mal passieren, dass sich eine Kollegin persönlich beleidigt fühlt, wenn man aus Krankheitsgründen nicht zur Arbeit erscheinen konnte. Als hätte die chronisch kranke Person die Wahl gehabt, zwischen „mit Symptomen Zuhause sein“ und „Arbeiten“. Ich bin mir sicher, jeder Kranke würde die Arbeit vorziehen, wenn es ihm dafür gut ginge.

In der Arbeitswelt, aber auch gesamtgesellschaftlich, fehlt hier vielfach das Verständnis. Insbesondere bei Erkrankungen, die man äußerlich nicht sehen kann. Ein Beinbruch entlockt hier im Zweifel mehr Mitgefühl, als die chronischen Schmerzen eines anderen, die man nicht sieht. 

Eine weitere Schwierigkeit, die mit dem Verlust der Arbeitsfähigkeit einher gehen kann, ist der Verlust der (beruflichen) Identität. So manch einer definiert sich auch als Person über seine berufliche Rolle. Der Verlust der selbigen kann dann zu einer Identitätskrise führen.

Fragen wie

  • „Was macht mich aus?“
  • „Was kann ich?“
  • „Wer bin ich?“
  • „Was ist meine Aufgabe?“
  • „Was ist mein Wert?“

können hierbei auftauchen.

Auch können die fehlende feste Struktur und die fehlende Aufgabe einen großen Riss in das Leben der erkrankten Person bringen. Ein weiterer sicherer Halt bricht hier dann weg. Sie muss ihr Leben im Grunde komplett neu aufbauen – um die Erkrankung herum.

Quelle: healthyfeelings.de – Foto 412designs auf Pixabay, Schrift erstellt mit canva.com

2.5 Schwierigkeiten im Gesamtgesellschaftlichen Kontext

Die Schwierigkeiten sind aber auch sonst gesamtgesellschaftlich vielfältig. Neben den oben genannten Aspekten der Erwartungen und Vorhaltungen, wenn ein Erkrankter nicht gesundet, gibt es auch hier einige Barrieren die der chronisch kranken Person in den Weg gelegt werden.

Für Menschen mit chronischen Magen-Darm-Erkrankungen können beispielsweise alleine fehlende öffentliche Toiletten eine große Hürde darstellen, die sie daran hindern, dass Haus zu verlassen.

Auch an Behindertengerechten Wegen und Beschriftungen usw. fehlt es in Deutschland noch an allen Ecken. Betroffene könnten hier sicher so einiges berichten.

Auch der bürokratische Alptraum ist nicht zu vernachlässigen. Betroffene müssen sich mit Ärzten, Krankenkassen, Rentenversicherungen herum schlagen. Sie werden bei Ärzten oder Versicherungen zuhauf nicht ernst genommen, suchen Jahre lang nach Diagnosen oder Hilfe.

So gut unser Krankensystem auch einerseits sein mag, so hat es doch auch große Defizite. Für nötige Untersuchungen fehlt das Budget. Termine finden erst nach Monaten statt. Entsprechende, wichtige Blutwerte werden nicht abgenommen u.v.m. Das hat zur Folge, dass Erkrankte unnötig lange auf Klarheit, eine Diagnose und eine Behandlung verzichten müssen. Schon manch einer hat eine wahre Ärzteodyssee hinter sich, bis endlich heraus gefunden wurde, was ihm fehlt.

Es fehlt hier eindeutig an Ärzten und Systemen, die den Patienten als ganzes in den Blick nehmen und entsprechende Ressourcen haben. Ich nenne hier gerne die Serie Dr. House als Beispiel, wird hier doch jeder noch so schwere Fall gründlich untersucht und am Ende immer eine Ursache für das Leiden der Betroffenen gefunden – ohne, dass viele Jahre vergehen. Die Patienten werden dort von hoch geschulten Ärzten so untersucht, dass alle Symptome miteinander in Verbindung gebrachten werden und sich ein Gesamtbild des Menschen, mit Körper, Geist und Seele, gemacht wird.

Fazit

Fakt bleibt, jeder zweite Deutsche ist chronisch krank. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Die Hälfte der Deutschen ist also krank. Und trotzdem ist unsere Gesellschaft nicht darauf ausgelegt, dass wir auch kranke Menschen unter uns haben.

Betroffene sind nicht nur ihrer Erkrankung ausgesetzt, sondern müssen mit vielen weiteren Einschränkungen und Folgen umgehen. Sie werden vielfach mit Stigmatisierungen und Anfeindungen konfrontiert, weil die Gesellschaft noch nicht ausreichend für chronische Erkrankungen sensibilisiert ist. Hier sind die Diskrepanzen noch viel zu groß und es ist nach wie vor viel zu tun.

Hast du selbst Erfahrungen mit chronischen Erkrankungen gemacht? Oder kennst du jemanden, dem es so geht? Berichte mir gerne in den Kommentaren, was du selbst erlebt hast und wie du die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wahr genommen hast. Gibt es etwas, was du dir als chronisch kranke Person von unserer Gesellschaft wünschen würdest? Was wäre das?

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