Ein Nein ist ein Ja zu dir selbst

Wer kennt das nicht: Da fragt ne Bekannte ob man nicht nochmal helfen könnte. Oder ein Kollege bittet darum, dass man mal wieder länger macht, damit er früher gehen kann.

Genauso kann es aber auch einfach nur die Bitte nach einem Treffen oder Telefonat sein, dass uns aber eigentlich gerade zu viel ist.

Nun schleicht sich ein Gefühl von „ich sollte/ich muss“ ein, obwohl unsere innere Stimme ganz laut „NEIN“ schreit, weil unsere Kapazitäten erschöpft sind oder wir einfach nicht mögen.

Doch schon als Kinder lernen die meisten von uns, dass wir anderen helfen sollten und dass wir gehorchen sollen, wenn andere etwas von uns wollen. Und damit lernen wir, dass unsere Bedürfnisse nicht so wichtig sind, wie die von anderen.

Daraus werden dann oft Erwachsene, die verlernt haben, für ihre eigenen Bedürfnisse einzustehen. Ja, manchmal sogar verlernt haben, die eigenen Bedürfnisse überhaupt wahr zu nehmen.

Ein Ja zu anderen heißt ein Nein zu mir selbst

Es ist gut und wichtig, anderen zu helfen. Aber nicht immer und nicht auf Teufel komm raus. Wir können nur gut für andere Sorgen, wenn wir auch gut für uns selbst sorgen. Ansonsten verlieren wir uns irgendwann selbst und werden im schlimmsten Fall sogar krank.

Denn jedes „JA“ zu jemand anderem kann im Zweifel ein „NEIN“ zu uns selbst sein, wenn wir es nicht wirklich tun wollen und es nur machen, um anderen zu gefallen oder einen Konflikt zu vermeiden.

Deshalb sollten wir bei jeder „Anfrage“ immer wieder hinterfragen, wieso wir nun eigentlich das Gefühl haben, dass wir etwas tun müssten, was wir ja eindeutig gar nicht tun wollen. Und warum wir uns trotzdem verpflichtet fühlen.

Kindheitsmuster können uns das Gefühl geben ja sagen zu müssen

Oftmals stecken dann genau jene Muster, anderen gefallen zu wollen oder Konflikte vermeiden zu wollen, dahinter.

So zum Beispiel das Muster, dass wir das Gefühl haben, nur dann liebenswert zu sein, wenn wir alle Wünsche des anderen erfüllen.

Oder das Muster, das wir immer genau das tun müssen, was andere sagen, damit es nicht zum Streit kommt, also Harmonie herrscht. Und somit das Gefühl, verantwortlich dafür zu sein, dass es in der Beziehung nie zum Streit kommt – selbst wenn dabei die eigenen Bedürfnisse auf der Strecke bleiben und Konflikte hierfür eigentlich „genau richtig“ sind. Nämlich um auszutarieren, wo die jeweiligen Bedürfnisse und Grenzen liegen.

Wir dürfen unserem Erwachsenen-Ich vertrauen

Deshalb ist es so wichtig zu verstehen, dass wir erstmal überhaupt gar nichts müssen und immer wieder für uns selbst abklopfen sollten, ob wir dieses oder jenes auch wirklich tun wollen bzw. ob das mit unseren eigenen Bedürfnissen konform geht. Mit unseren aktuellen Bedürfnissen, unserem Erwachsenen-Ich, nicht mit unseren inneren-Kind-Mustern.

Denn das innere Kind war von anderen, von den Erwachsenen, abhängig und musste eine Strategie entwickeln, wie es „überleben“ konnte. Und diese sah vielleicht so aus, eben alles zu tun, was andere wünschen, so dass es genug Liebe, Nahrung etc. bekam. Die eigenen Bedürfnisse hatten hier dann keinen Platz mehr.

Aber wir sind nun erwachsen und brauchen diese Strategien nicht mehr. Denn wir sind nicht mehr von anderen abhängig. Wir können uns unsere Beziehungen aussuchen. Und damit auch jemanden, dem wir wichtig genug sind, dass er nicht möchte, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse immer hinten an stellen.

Deshalb: höre auf deine Bedürfnisse. Passt das Anliegen des anderen zu deinen Bedürfnissen, zu deinem aktuellen Leben, dann go for it. Wenn nein, dann darfst Du „NEIN“ sagen. Ohne Reue und ohne Rechtfertigung.

Sage nein, ohne dich zu rechtfertigen. Bild: Andrew Martin auf Pixabay.com
Sage nein, ohne dich zu rechtfertigen. Bild: Andrew Martin auf Pixabay.com

Wir müssen uns nicht rechtfertigen, wenn wir eine Bitte abschlagen

Denn das ist ein weiteres Problem: das wir immer wieder das Gefühl haben, wir müssten uns rechtfertigen, wenn wir etwas nicht wollen. Dabei wäre doch eher die Bitte des „Antragsstellers“ rechtfertigungswürdig und nicht unser legitimes „NEIN“. Er möchte schließlich etwas von uns und nicht wir von ihm.

Deshalb, wenn dich jemand fragt, dann versuche doch mal zu antworten „Nein, tut mir leid, das passt mir nicht…“ und zwar ohne das „…weil mein Terminkalender zu voll ist. Ich hoffe, dass verstehst du und es tut mir voll leid. Ich würde ja wirklich gerne und habe ein total schlechtes Gewissen. Aber es geht nicht.“

Hier sage ich „NEIN“ zu dir: Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen. Und wenn du lieber auf der Couch liegen und an die Decke starren willst, dann ist das genauso legitim wie wenn du einen zu vollen Kalender hast, zu krank oder erschöpft bist oder einfach keine Lust hast.

Von Grund auf hat erstmal überhaupt niemand einen Anspruch an dich. Und nicht du brauchst das schlechte Gefühl zu haben wenn du „NEIN“ sagst, sondern der Kollege, wenn er dich überhaupt fragt (wobei ne Frage natürlich grundsätzlich legitim ist. Fragen kostet ja nichts :)). Denn er will schließlich was von dir und hat keinerlei Anspruch darauf. Also kann er dankbar sein, wenn du es machst. Darf dir aber nicht böse sein, wenn nicht.

Wenn er es dann doch sein sollte, hat das rein gar nix mit dir zu tun, sondern mit seinen eigenen Persönlichkeitsanteilen.

Erlaube dir hier für dich selbst ein zu stehen und lasse dir kein schlechtes Gewissen machen für etwas, was du gar nicht tun  musst.

Wenn du es tust, dann tue es weil du es willst.

Nein sagen ist schwierig, aber erlernbar

Ich hatte früher auch sehr große Probleme damit „NEIN“ zu sagen. Meistens habe ich Dinge dann getan, obwohl ich es eigentlich nicht wollte.

Inzwischen fällt es mir viel leichter „NEIN“ zu sagen und mich dabei nicht groß zu rechtfertigen. Meistens gebe ich zwar eine Begründung an á la „Tut mir leid, ich kann morgen nicht, weils mir nicht gut geht.“, aber das eher aus Freundlichkeit und weil ich zum Beispiel einer Freundin eine Erklärung liefern möchte bzw. man halt einfach darüber spricht, was los ist.

Ich empfände es auch als unhöflich, hier nicht mehr als ein „NEIN“ zu sagen. Manche Menschen vertreten die Meinung, ein „NEIN“ reicht völlig. Und das stimmt grundsätzlich ja auch.

Aber man möchte ja auch nicht, dass sich der andere schlecht fühlt, weil er denkt, eine Absage hätte was mit ihm persönlich zu tun oder ähnliches. Ein reines „NEIN“ hinterlässt meiner Meinung nach einfach zu viel Interpretationsspielraum, der dann wiederum Konfliktpotential birgt. Ich finde hier eine kurze Erklärung á la „Ich kann da leider nicht.“ am Besten. So bleibt man ehrlich und authentisch, ohne sich zu viel zu rechtfertigen.

Ich mache es also aus Freundlichkeit und Respekt dem anderen gegenüber, aber nicht, weil ich das Gefühl habe, mich rechtfertigen zu müssen.

Würde ich mich rechtfertigen, würde es eher so aussehen, dass ich erstmal lang und breit erklären würde, wieso die Erkrankung gerade dazu führt, dass es WIRKLICH nicht geht. Und ich würde mich dabei dann schlecht fühlen und das Gefühl haben, dass die Erklärung immer noch nicht gut genug ist.

Und das mache ich schon lange nicht mehr bzw. nur noch selten.

Die Grenzen des Nein-Sagens

Ich will dabei nochmal betonen, dass es nicht darum geht, anderen nicht zu helfen und auch nicht darum, immer nur das Beste für sich selbst zu tun bzw. nur Dinge zu tun, die sich gut anfühlen. Denn natürlich kann anderen zu helfen bedeuten, dass man etwas tut, was vielleicht etwas unangenehm ist und im Grunde gegen unsere Bedürfnisse geht (was wir ja mit einem Nein per se vermeiden).

Ruft uns zum Beispiel unsere Freundin mitten in der Nacht an, weil sie am Boden zerstört ist, raubt uns das erstmal den Schlaf und da ist unser Hauptbedürfnis natürlich ganz klar der Schlaf. Ohne Schlaf fühlen wir uns müde und vielleicht sogar körperlich sehr schlecht. Trotzdem ist es hier dann wichtig, auch in der Krise für seine Freundin da zu sein und ein „NEIN“ würde die Beziehung zu Recht beschädigen.

Ruft die Freundin allerdings an, weil sie gerade wach ist und bock hat zu quatschen, ist das ne andere Geschichte und dann sollten wir dringend unsere Grenzen abstecken. Genauso, wenn ihre Krisen ständig nachts sind und niemals bis zum nächsten Tag warten können. An diesem Punkt macht es dann Sinn, das Gespräch zu suchen und in Zukunft ohne schlechtes Gewissen „NEIN“ zu sagen.

Hier muss man natürlich immer eine Balance finden zwischen wirklich wichtigen Dinge, wo die eigenen Bedürfnisse auch mal hinten an stehen dürfen und den nicht so wirklich wichtigen Dingen bzw. dem Alltag, wo unsere Bedürfnisse immer ebenso Berücksichtigung finden sollten.

Übung macht den Meister

Ich bin ehrlich gesagt immer noch kein großer „Nein-Sager“. Das liegt zum einen daran, dass ich einfach von Haus aus ein hilfsbereiter Mensch bin und anderen Menschen gerne helfe. Zum anderen fällt es mir aber auch immer noch schwer für meine eigenen Bedürfnisse einzustehen. Aber ich übe das jeden Tag.

Und wenn es nur ein Anruf ist, bei dem ich das Gefühl habe, ich muss da unbedingt dran, um dem anderen zu gefallen (das können auch einfach alte Beziehungsmuster sein). Dann halte ich inne, schaue wie es mir gerade geht und gehe nicht ran, wenn es gerade aus welchen Gründen auch immer nicht passt. Und auch wenn sich das manchmal noch doof anfühlt, so halte ich das aus. Denn ich weiß, dass ich mir damit am Ende etwas Gutes tue, hier auf mein Bedürfnis zu hören und nicht auf mein Muster aus der Kindheit.

Was mir auch sehr geholfen hat, ist im Zweifel zu sagen, dass ich drüber nachdenken oder nachschauen muss und mich nochmal melde. Damit bekomme ich Zeit, um zu schauen, ob es mir passt und wie ich mich damit wirklich fühle. Das kann insbesondere dann hilfreich sein, wenn man sich sehr bedrängt fühlt oder das Gefühl hat, dass der andere sonst wütend wird.

So bekommt man Abstand in die Situation und kann dann in Ruhe zum Beispiel eine Nachricht verfassen und es ablehnen. Oder ins nächste Gespräch rein gehen, ohne überrumpelt zu sein, sondern in dem man schon mal vorab, für sich, seinen Standpunkt geklärt hat. Ohne Rechtfertigung.

Ein Einfaches „Nein, tut mir leid, da kann ich nicht.“ reicht hier dann völlig.

Steh hinter deiner Entscheidung

Nein heißt Nein. Du musst dich dafür nicht rechtfertigen. Bild: www.healthyfeelings.de, erstellt mit canva.com
Nein heißt Nein. Du musst dich dafür nicht rechtfertigen. Bild: www.healthyfeelings.de,
erstellt mit canva.com

Wenn man es dann aushält, sich nicht zu rechtfertigen, reicht das meistens schon. Denn das signalisiert dem Gegenüber, dass man in seiner Entscheidung sicher und klar ist und lässt eine Diskussion gar nicht erst aufkommen (auch wenn es in einem drin vielleicht am Anfang noch ganz anders aussehen mag). Wer hinter seinen Entscheidungen steht, wirkt in seinen Worten und seinem Auftreten entschlossener. Deshalb vertrau dir selbst und erlaube dir auch „NEIN“ zu sagen.

Wenn dann doch einer die gesetzte Grenze nicht akzeptiert und zum Beispiel nachharkt „Aber warum denn nicht?“ würde ich mich auch hier gar nicht groß rechtfertigen. Ein Einfaches „weil ich da nicht kann“ oder „weil es mir nicht passt“ reicht da völlig.

Auch hier dürfen wir nicht wieder in die Falle tappen, dann das Gefühl zu haben, dass wir uns nun aber wirklich rechtfertigen müssen. Nein, das müssen wir nicht. Wieso sollte der andere denn den Anspruch haben dürfen, unsere Grenzen zu überschreiten?

Versuch dir das immer wieder bewusst zu machen. Nicht du brauchst dich zu rechtfertigen. Und du brauchst dich auch nicht schlecht zu fühlen, denn du darfst für dich selbst einstehen. Denn du bist wichtig und wertvoll!! Und deine Bedürfnisse sind genauso wichtig, wie die der anderen.

Und damit wird aus einem „NEIN“ zu anderen, ein „JA“ zu dir selbst. Es wird zur Selbstfürsorge und einer Stärkung deines Selbst.

Aus einem Nein zu anderen wird ein Ja zu dir. Bild von Gordon Johnson auf Pixabay.com
Aus einem Nein zu anderen wird ein Ja zu dir. Bild von Gordon Johnson auf Pixabay.com


Wie geht es dir damit nein zu sagen? Fällt dir das leicht? Oder neigst du dazu, zu machen, was die anderen wollen oder dich im Zweifel sehr zu rechtfertigen? Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen 🙂

1 Gedanke zu „Ein Nein ist ein Ja zu dir selbst“

Schreibe einen Kommentar