Die Schwächen im Blick: Defizitorientierung in unserer Gesellschaft

Vor kurzem habe ich mir alte Schulzeugnisse angeschaut. Als ich noch klein war, schickte uns unsere Mutter auf eine Waldorfschule, weil sie von dem Konzept überzeugt war und auch selbst dort als Lehrerin unterrichtete.

Das Waldorfschulkonzept basiert auf den Lehren von Rudolf Steiner. Die Waldorfschulen wollen sich dabei von staatlichen Schulen abgrenzen. Unter anderem sollen weniger die Noten im Blickfeld stehen, sondern viel mehr die Entwicklung und Förderung des Kindes, entsprechend seiner Anlagen und Talente. Daher gibt es auch in den Zeugnissen keine Noten, sondern ausführliche Texte mit Beschreibungen über die Entwicklung des Kindes.

So blätterte ich also meine alten Schulzeugnisse durch, zunächst noch gut gestimmt. Doch während ich so las und meinem Mann immer wieder Ausschnitte zeigte, fiel mir immer mehr auf, wie bewertend auch die Waldorf-Schulzeugnisse waren. Nein, es gab keine Noten. Aber auch sie waren vielfach auf die Defizite gerichtet. Zu ruhig, zu verträumt, zu abgelenkt, zu ungeschickt beim Sticken usw. Während ich so las, begann ich mich immer schlechter zu fühlen und begann Mitleid mit diesem kleinen Mädchen zu empfinden, welches hier stellenweise so hart bewertet wurde. Mit meinem heutigen Wissen und meinen heutigen Erfahrungen, sehe ich die Bewertungen in einem ganz anderen Lichte. Was mich früher vielleicht noch amüsiert hätte, lässt mich heute nachdenklich werden.­

Eine Gesellschaft der Defizite

Unsere Gesellschaft ist sehr defizitär ausgerichtet. Der Blick ruht immer auf den Fehlern, den Schwächen. Es wird immer nur angeprangert, was besser gemacht werden sollte. Anstatt anzuerkennen, was gut gemacht wird. Jedes Kompliment enthält meist auch ein „aber“. Ob nun ausgesprochen oder unterschwellig.

Dies fängt schon im Kleinkindalter an, wo bewertet wird, ob sich die Kinder auch ja altersgemäß entwickeln. Sie werden direkt in eine Form gedrückt, ähnlich den Keksformen beim Backen. Wer da nicht reinpasst, ist „fehlerhaft“. Dass sich jedes Kind individuell entwickelt und die Natur nicht planbar ist, wird dabei gerne vergessen.

Und weiter geht es in der Schule, in der Kinder genötigt werden stundenlang nur ruhig da zu sitzen und zu zuhören – was nebenbei bemerkt schon Erwachsenen schwer fällt. Da wird dann also bemängelt, dass Kinder nicht still sitzen können, dass sie zu verträumt oder zu still sind. Alles was nicht der Norm entspricht wird angeprangert.

Gleiche Bedingungen für alle

Letztendlich beruht die ganze Schulzeit auf dem Bewerten von Leistungen. Immer mit Blick auf die Schwächen. Es geht selten darum, individuelle Stärken zu fördern und auszubauen. Die Kinder die Dinge lernen zu lassen, die ihnen liegen und ihren Interessen entsprechen (neben dem nötigen Allgemeinwissen, das natürlich auch nicht unwichtig ist). Nein, jedes Kind muss gleich sein und wird gleich behandelt. Wie im Gleichnis von dem Affen, dem Fisch, dem Elefanten und anderen Tieren, die alle die Aufgabe bewältigen müssen, auf einen Baum zu klettern. Dass das nicht funktionieren kann müsste jedem klar sein. Und doch funktioniert unser Schulsystem vielfach so.  

Also wird bewertet, was das Zeug hält. Immer schön mit Blick darauf, was die Kinder nicht gut können. Egal ob es ihnen liegt, sie die richtigen Voraussetzungen mitbringen oder es ihnen Spaß macht. Sie haben es zu können. Und wenn sie es nicht können, bekommen sie das Gefühl vermittelt, nicht gut genug und damit „fehlerhaft“ zu sein.

Bewertungen überall

Aber es bleibt nicht im schulischen Rahmen. Kinder werden überall von den Erwachsenen (Eltern, Verwandte im Allgemeinen, Freundeseltern usw.) bewertet. Und sie lernen von ihnen, sich ebenso gegenseitig zu bewerten. Ob es nun die schulische Leistung oder das Verhalten sind. Ob die Mode oder etwa „uncoole“ Hobbys betreffend. Alles zielt darauf ab, andere zu bewerten. Wir lernen, dass wir nicht gut sind, wie wir sind. Und unser Wert von der Bewertung anderer abhängt. Negative Glaubenssätze werden so von klein auf verinnerlicht und verfolgen uns bis in unserer Erwachsenenleben.

Die ständige Bewertung anderer. Quelle: Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Nach der Schule folgt dann die regelmäßige Leistungsbewertung auf der Arbeit. Selten geht es darum, einfach einmal eine Stunde darüber zu sprechen, was der Arbeitnehmer alles geleistet hat und was er Positives mit eingebracht hat. Nein, im Wesentlichen geht es darum, wie er seine Leistung zum Vorjahr verbessern konnte und wo er sich weiter verbessern sollte. Auch wenn dies gerne durch die Verwendung von Begriffen wie „Lernfelder“ oder „Verbesserungspotenziale“ abgemildert werden soll. Im Fokus steht also auch hier stets die Bewertung. Der Blick dabei auf die Schwächen ausgerichtet, mit dem Bestreben weiterer Verbesserung. Jedes Leistungsgespräch endet mit einer neuen Anforderung an noch mehr Verbesserung, an noch bessere Leistung. Auch hier wieder die Botschaft nie (gut) genug zu sein.

Die negative Berichterstattung durch die Medien

Aber nicht nur die Bewertung untereinander ist defizitär ausgerichtet. Die Medien fokussieren ihren Blick ebenfalls auf die schlimmen Ereignisse. Gibt es eine friedliche Demonstration mit 20 000 Teilnehmern, ist davon auszugehen, dass über die 50 Teilnehmer gesprochen wird, die sich nicht an die allgemeingültigen Regeln hielten. Die Medien leben davon, die Welt von ihrer schlechten Seite zu beleuchten. Natürlich, eine Nachricht über ein positives Ereignis (es gab keine Korruption – juhei) würde beim geneigten Leser wohl nur ein müdes Gähnen erwecken. Den Klick bekäme dieser Artikel wohl kaum.    

Und natürlich ist es wichtig, über diese negativen Dinge zu sprechen. Sie müssen offen gelegt werden, ohne Frage. Aber die starke Beschränkung auf das Negative vermittelt zu schnell ein falsches Bild einer schrecklichen Welt, die wenig Hoffnung zurück lässt, dass es Gutes gibt.

Zudem kann das ständige herein prasseln von schlimmen Nachrichten einen negativen Einfluss auf uns und unsere Gesundheit haben.

Die Fokussierung auf das Negative und die ständige negative Bewertung, vermittelt derweil schon einem kleinen Kind das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Nicht gut genug! Quelle: Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Aus Fehlern lernt man – Weiterentwicklung ist unerlässlich

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich halte Lernen und Weiterentwicklung für unerlässlich. Aber bitte nicht in ständiger Verbindung mit negativer Konnotation.

Natürlich ist es auch wichtig Missstände anzusprechen. Wenn man über Fehler spricht, sie reflektiert und verarbeitet gibt es immer die Chance auf eine Verbesserung, die allen oder dem Einzelnen zu Gute kommt. Sei es nun die Verbesserung einer Beziehung, die größere Zufriedenheit im Leben usw. Aber wir Menschen lernen fortwährend durch trial and error. Und das ist auch okay. So okay, dass Fehler eben erlaubt sein sollten und nicht immer als persönliches Defizit eines Menschen betrachtet werden sollten. Es ist okay, Fehler zu machen. Es ist okay, nicht perfekt oder der Norm entsprechend zu sein. Als erstes sind wir alle gut. Keiner von uns kommt als schlechtes Kind auf die Welt. Als erstes sind wir alle gut, so wie wir sind!

Weiterentwicklung ohne ständige Bewertung durch andere

Aber können wir uns nicht auch weiterentwickeln und aus Fehlern lernen und wachsen, ohne einer ständigen Bewertung durch andere ausgesetzt zu sein? Wir sind doch lernfähig. Wir merken doch irgendwann, wenn etwas nicht funktioniert. Aber ich glaube, wir lernen viel eher etwas zu verändern, wenn es von innen kommt, als wenn uns von außen vorgehalten wird, wie schlecht, wie fehlerhaft wir doch sind.

Mal davon ab, dass wir nicht alles verändern müssen. Wir müssen nicht alle gleich sein. Wir müssen nicht alle dieselben Dinge können. Und wir müssen auch nicht die gleiche Kleidung oder dieselbe Musik gut finden. Wir müssen nicht denselben Lebensstil oder dieselbe Religion bevorzugen. Es ist doch gut und erstrebenswert, individuell zu sein (aber bitte nicht zwanghaft). Warum also einander ständig negativ bewerten? Fast jede Schwäche kann in einem anderen Kontext und aus einem anderen Blickwinkel auch wieder als Stärke gesehen werden. Jemand der (noch im gesunden Rahmen) hitzköpfig ist, ist vielleicht auch gleichzeitig in anderen Bereichen sehr leidenschaftlich. Jemand der eher ruhig ist, kann diese Ruhe in Krisensituationen vielleicht auch auf andere übertragen. Hier ließen sich sicherlich viele Beispiele finden. Wenn man den Blick verändert, lässt sich doch in vielem etwas Positives sehen.

Unsere ganze Gesellschaft ist so sehr auf Negativität, auf die Fehlersuche aufgebaut. Dabei sollte der Blick doch viel mehr weg von der Negativität und hin zu dem Positiven führen.

Fang bei dir selbst an

Wie wäre es also, wenn wir bei uns selbst anfangen würden und andere weniger bewerten. Der Gedankengang „Gott sieht diese Leggins lächerlich aus“ mag wie aus dem nichts kommen. Aber wie wir weiter damit umgehen, können wir selbst steuern.

Entweder wir attestieren einen schlechten Modegeschmack und machen uns darüber lustig oder wir akzeptieren dass Vorlieben verschieden sind und freuen uns mit der Person, dass sie sich mit dem, was sie trägt, wohlfühlt.

Wir können also unsere Gedanken dahin gehend beeinflussen. Und je öfter wir das machen und auch versuchen, den Blick auf das Positive bei anderen zu richten, anstatt auf das negative, desto positiver wird auch unsere Einstellung zum Leben und damit auch unsere Zufriedenheit.

Positiver Blick, Positive Bewertung. Quelle: Tumisu auf Pixabay

Wir können also weiter darauf schauen, was andere Menschen für Defizite haben oder wir schauen darauf, was sie für wundervolle Stärken und Charaktereigenschaften doch haben.

Was glaubst du, was langfristig zu einer glücklicheren Welt führen wird?

Schreib mir gern in den Kommentaren, wie du darüber denkst. Bewerten wir zu viel und zu negativ?

PS: Ich möchte weder Waldorfschulen bashen noch möchte ich Weiterentwicklung verteufeln. Es geht mir hier vielmehr darum, wie defizitorientiert unsere Gesellschaft, mit der ständigen negativen Bewertung, ausgerichtet ist.

Welch Ironie übrigens: Auch ich blicke mit strengem (negativen) Blick auf das defizitäre System – befinde mich also in demselben Bewertungssystem.

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