Schäm dich – anderen geht es viel schlechter als dir

Zugegeben, der Titel ist recht provokant, nicht wahr?

Leider ist es das, was Menschen immer wieder denken. Aber nicht nur über andere, so manch einer auch über sich selbst.

Immer wieder lese und erlebe ich, dass Menschen mit chronischer Erkrankung sich dafür schämen krank zu sein – obwohl sie nichts dafür können und sich ihre Erkrankung nicht ausgesucht haben.

Und nicht nur dass, sie schämen sich immer wieder auch dafür, dass sie immer wieder auch an ihren Erkrankungen verzweifeln, weil es anderen doch so viel schlechter geht. Als würde es ihnen nicht zustehen, dass es ihnen ebenfalls schlecht gehen darf, selbst wenn dem eben leider so ist.

Erst gestern las ich dies unter einem Beitrag einer Bloggerin, der es sehr schlecht geht. Gleich 2 Personen (wenn nicht sogar mehr, ich habe nicht alle Kommentare gelesen) schrieben, dass sie manchmal aufgrund ihrer Erkrankung so verzweifeln. Und wenn sie dann lesen, wie schlecht es der Bloggerin geht, schämen sie sich dafür, dass sie manchmal so verzweifeln. Denn anderen geht es ja viel schlechter.

Da ist ein Mensch der täglich leidet

Machen wir uns das mal klar: Da ist ein Mensch, der täglich an Schmerzen/Symptomen leidet und dem es überhaupt nicht gut geht. Der tapfer aushält, was das Leben ihm zu Füßen geworfen hat. Aber immer wieder bringt ihn das auch zum verzweifeln. Und dann liest er, wie andere leiden und empfindet Scham darüber, dass er sich „so anstellt“ bzw. „jammert“.

Aber ist das gerechtfertigt, dass er sich schämt, weil es ihm auch nicht gut geht, nur weil es anderen schlechter geht?

Um das besser zu verstehen, sollten wir uns erstmal anschauen, was Scham eigentlich bedeutet.

Was Scham ist und wo sie herkommt

Scham entsteht dann, wenn man das Gefühl hat, bestimmten Werten, Normen oder Ansprüchen nicht gerecht geworden zu sein.

Schämst du dich also, weil du verzweifelt bist, weil es dir schlecht geht, obwohl es anderen ja deiner Meinung nach (wie misst man sowas auch?) viel schlechter geht, solltest du dich fragen, wo das Gefühl eigentlich herkommt.

Gegen welche Normen glaubst du zu verstoßen? Wer hat dir eingeredet, dass es dir nur schlecht gehen darf, wenn du die Person bist, der es am schlechtesten geht? Oder hat dir gar eingeredet, dass es dir gar nicht schlecht gehen darf und du trotz all der Symptome und Schmerzen deine Gefühle runterschlucken solltest?

Vielleicht wurde dir schon früh eingebläut

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“,

„Reiß dich einfach zusammen.“ und ähnliches.

So dass du nun das Gefühl hast, anderen nicht gerecht zu werden, wenn du deinen inneren Schmerz und die Verzweiflung auch mal raus lässt.

Aber ist es nicht vielmehr so, dass es anderen schlecht gehen kann und dir ebenso? Du empfindest ja dann auch Mitgefühl für andere, dass es ihnen schlecht geht (was super ist!). Aber wo ist dein Mitgefühl für dich selbst? Darf ein Mensch nicht traurig und verzweifelt sein, wenn es ihm schlecht geht – egal ob es anderen schlechter oder besser geht?

Fakt ist: es wird immer Menschen geben, denen es noch einen Ticken schlechter geht. Deshalb wird unsere Lebensrealität aber nicht besser/anders und unsere Gefühle werden deshalb nicht weniger legitim.

Sei stolz auf dich anstatt dich zu schämen

Ihr Lieben Leidensgenossen,

macht euch doch mal bitte klar, was ihr jeden Tag alles meistert. So manch einer würde daran vollends verzweifeln. Und trotzdem steht ihr jeden Tag auf und übersteht euren Tag. Das ist eine unheimliche Leistung! Darauf könnt ihr Stolz sein!

Sei bitte mal stolz auf dich! Denn außer dir weiß keiner, wie viele Tränen, Mut und Kraft es dich gekostet hat, dort zu sein, wo du jetzt bist. Bildquelle: healthyfeelings.de - Bild erstellt mit canva.com
Sei bitte mal stolz auf dich! Denn außer dir weiß keiner, wie viele Tränen, Mut und Kraft es dich gekostet hat, dort zu sein, wo du jetzt bist. Quelle: healthyfeelings.de – Bild erstellt mit canva.com

Bitte vergleicht euch nicht mit anderen, die ebenfalls leiden. Was sollte das bringen? Euer Schmerz wird nicht weniger, nur weil sie, vielleicht oder vielleicht auch nicht, etwas mehr leiden als ihr. Deshalb sind eure Schmerzen/Symptome nicht weniger real. Und deshalb dürft ihr deshalb auch mal verzweifeln. Eure Gefühle sind vollkommen verständlich und legitim und keinerlei Grund sich zu schämen.

Natürlich dürfen und sollten wir dankbar dafür sein, dass es uns vielleicht besser geht als anderen. Und es ist sinnvoll, sich immer wieder zu verdeutlichen, was man alles an schönen Dingen im Leben hat, die das Leben trotz als der Schmerzen und Symptome lebenswert machen.

Aber trotzdem ist es auch oft hart. Und da ist es doch nur allzu verständlich, wenn man da auch mal verzweifelt. Und das sollte man sich auch nicht verzagen. Es ist keine Schwäche, wenn man bei so viel Stärke, die man an den Tag legt, auch mal „schwach“ ist und all den Frust mal raus lässt. Die „negativen“ Gefühle haben genauso ihre Berechtigung. Es ist gesund, sich auch diesen Gefühlen zu stellen. Und es ist wichtig, sie zuzulassen, sie ernst- und anzunehmen. Wir schaden uns nur selbst, wenn wir das nicht tun.

Chroniker als Helden des Alltags

Du darfst traurig, wütend und frustriert sein, dass dein Leben nicht so verläuft, wie du dir das wünscht. Dass du an Schmerzen oder anderen Symptomen leidest. Das ist verdammt nochmal verdammt anstrengend.

Wieso solltest du dich also schämen, wenn du auch mal verzweifelst?! Das ist doch nur all zu menschlich, bei all dem Leid.

Wie las ich mal irgendwo: „Chroniker sind Helden des Alltags“ und ja verdammt, das sind sie! Was sie aushalten müssen kann sich so manch einer gar nicht vorstellen, geschweige denn, es selbst auszuhalten.

Anstatt dich selbst also noch schlecht zu reden, mach dir bitte klar, wie stark du eigentlich bist, das jeden Tag auszuhalten. Du kannst verdammt stolz darauf sein, dass du trotz all der Hürden niemals aufgibst und immer weiterkämpfst – auch wenn du manchmal das Gefühl hast, nicht mehr zu können.

Du und deine Gefühle sind so wie sind gut. Es gibt hier keinen Grund sich zu schämen!

Kennst du das auch, dass du dich manchmal für Sachen schämst, für die man sich eigentlich nicht schämen müsste? Vielleicht geht es dir sogar manchmal so wie den Personen unter dem Beitrag, den ich gelesen habe. Erzähle mir gern von deinen Erfahrungen.  

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